Interview-Wentzinger

Herbstinterview mit P. Kalchthaler und W. Bantel: J.Ch. Wentzinger

 

Das Gespräch zwischen Peter Kalchthaler, Leiter der Abteilung "Museum für Stadtgeschichte" im Wentzingerhaus am Münsterplatz, und Wolfgang Bantel, Lehrer am Wentzinger Gymnasium für Geschichte, Deutsch, Gemeinschaftskunde und Ethik soll eine Interviewreihe begründen, die in größeren Abständen an diesem Ort fortgesetzt wird. Moderator ist der "Chefredakteur" der WentzHP Michael Weh.

Thema des Gesprächs war der Namenspatron der Schule Johann Christian Wentzinger (1710-1797), Bildhauer, Maler und Architekt in Freiburg und bedeutende Stifterpersönlichkeit.

 

Hier das ganze Interview als Audiofile

Auszüge daraus:

Weh: Ich darf Sie, Herr Kalchthaler, ganz herzlich begrüßen als einen ausgewiesenen Experten für die Stadtgeschichte Freiburgs, Wolfgang, dich als unseren hausinternen Experten. Du machst viele historische Führungen auf Ausflügen mit unseren Klassen aber auch mit unserem Kollegium. Ich freue mich, dass ich Sie beide heute zusammengebracht habe. Thema ist „Johann Christian Wentzinger“ und Ziel unseres Gespräches soll sein, diese Persönlichkeit unserer Schulgemeinde wieder in Erinnerung zu rufen.

Selbstportrait

Bantel: Ich darf Sie auch ganz herzlich begrüßen, Herr Kalchthaler. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Sicher sind Sie mit Wentzingers Persönlichkeit gut vertraut und können sich in seine Rolle gut hinein versetzen. Was würde denn Wentzinger sagen, wenn er ins Wentzinger Gymnasium hereinkäme?

Kalchthaler: Ich denke, ein Mensch des Barock wird mit einem 70er Bau recht wenig anfangen. Ihm käme das rein von der Architektur her seltsam vor – auf der einen Seite. Andererseits denke ich mir, dass es Wentzinger sicher gefreut hätte, dass überall im Haus Bilder hängen, dass sich die jungen Leute hier mit Kunst offenbar beschäftigen.

Wentzingers Haus am Münsterplatz

Ihm würde sicher gefallen, dass es hier im Haus eine Möglichkeit gibt, dass man als junger Mensch eine Ausbildung bekommt. Das ist das, was sich durch Wentzingers Leben zieht, vor allen Dingen durch seine frühe Karriere, dass er offenbar ein Mensch war, der ständig besser werden wollte und ständig gelernt hat. Er wollte selbst aus seinem engen handwerklichen Umfeld heraus und hat sich nach seiner handwerklichen Ausbildung entschieden, nach Paris, nach Rom an die Akademie zu gehen, sich dort fortzubilden und eine entsprechende akademische Karriere zu planen.

 

Bantel: Welche Fremdsprachen hat er denn gesprochen?

Kalchthaler: Es ist anzunehmen, dass er Französisch gesprochen hat, weil Französisch damals das war, was das Englische heute ist: Eine Sprache, die man in gewissen Kreisen gepflegt hat. In Straßburg, wo er gelernt hat, hat er Hochdeutsch gesprochen und auch Dialekt. Hochdeutsch zu sprechen war übrigens nicht selbstverständlich. Dann wird er, denke ich, Grundkenntnisse in Latein gehabt haben.

Deckengemälde Wentzingerhaus

Englisch eher unwahrscheinlich, weil das Englische keine Sprache war, die man am Oberrhein gebraucht hat. Auch ist anzunehmen, dass er ein paar Brocken Italienisch gelernt hat, da er ja einige Monate in Rom an der Akademie war. Aber seine Hauptsprache war sicher der Dialekt.

Bantel: Wie ist denn Wentzinger nach Rom gekommen?

Kalchthaler: Hauptsächlich zu Fuß, wie es noch heute die Handwerksburschen auf der Wanderschaft machen, die Kutsche war etwas sehr Teures, die man sich mal geleistet hat, wenn es mal Katzen gehagelt hat. Aber ein junger Handwerker wie Wentzinger ist hauptsächlich zu Fuß gereist. Das ging natürlich ein paar Wochen, bis er vom Oberrhein nach Rom gekommen ist, aber das hat eben zu jedem Handwerksberuf dazugehört, dass man auf Wanderschaft geht, dass man aus seinem engen Kreise herausgekommen ist. Und wenn er Geld gebraucht hat, hat er unterwegs für kurze Zeit in einer Werkstatt gearbeitet.

Bantel: Was hat ihn zu diesem Werdegang veranlasst?

Wentzingerhaus Innenhof

Kalchthaler: Man kann sich vorstellen, dass er schon als Kind in den Steinbrüchen am Schönberg den Steinmetzen zugeschaut hat. Das hat ihn sicher interessiert. Sein Vater war Müller in Ehrenstetten und Freiburg war damals schon ein gewisses Zentrum, eine vorderösterreichische Hauptstadt. Als Wentzinger gelernt hat, war Freiburg noch Festung. Trotzdem gab es schon zu Beginn einen gewissen Bauboom. Entsprechend gab es großen Bedarf an Handwerkern. Nach Freiburg war dann das nächste nachvollziehbare Ziel Straßburg. Straßburg war zwar seit 1681 französisch, aber nach wie eine deutsch geprägte Stadt auf französischem Gebiet, doch kulturell sehr französisch orientiert. Entsprechend waren dort viele Künstler anwesend, die im französischen Geschmack ausgebildet waren und auch so gearbeitet haben.

Weh: Was kann man von ihm in der Stadt noch aktuell sehen?

Kalchthaler: Das sind sein Haus, seine Gartenfiguren aus Ebnet, die im Wentzingerhaus zu sehen sind, das Rodt´sche Grabmal im Münster, sein eigenes Grabmal auf dem alten Friedhof, im Augustinermuseum sind eine Reihe Werke zu sehen. In der näheren Umgebung etwa in Kenzingen gibt es den Ölberg in der Laurentiuskirche, in Ebnet die Stukkaturen, die Fassade, die Kopien der Gartenfiguren im Park.

Grabmal auf dem alten Friedhof

Weh: Und bis wohin reichen seine Werke, wenn man dies einmal geographisch betrachtet?

Kalchthaler: Insgesamt sind seine Werke in Museen überall auf der Welt verstreut, gearbeitet aber hat er hauptsächlich im südwestdeutschen Raum inklusive Schweiz, Hauptwerk ist natürlich St. Gallen, die Ausstattung der Stiftskirche, an der er wesentlich beteiligt war. Und, was ganz wichtig ist bei Wentzinger als Künstler, dass er einmal ab einer gewissen Zeit nur noch als entwerfender Künstler arbeitet, dass er es einfach nicht mehr nötig hat, sich die Hände schmutzig zu machen. Auf der anderen: Seite dadurch dass Wentzinger als Akademiker nicht dem Zunftzwang unterlag, hat er immer wieder junge Künstler quasi als Subunternehmer bei sich beschäftigt und ihnen Aufträge verschafft und damit eine ganz wichtige Rolle als Türöffner gespielt hat für junge Künstler, die teilweise nach Entwürfen von Wentzinger, aber z.T. auch selbstständig arbeiteten. Der Matthias Faller macht z.B. die Bibliotheksfiguren in St. Peter nach den Entwürfen von Wentzinger oder Joseph Hör macht mit dem Franz Anton Xaver Hauser zusammen den Taufstein im Münster nach Wentzingers Entwurf.

Bantel: Es gibt auch eine sehr menschliche Seite, die vielen eben nicht bekannt ist. Wenn Sie über seine „Herzensangelegenheit“ etwas sagen könnten.

Kalchthaler: Wentzinger hat offenbar ein Streben gehabt, immer alles sehr solide vorzubereiten, bevor er einen wichtigen Schritt unternimmt, so war es offenbar auch mit der Heirat und dem damit zusammenhängenden Kinderwunsch. Das hing in dieser Zeit immer unmittelbar zusammen. Da war er immerhin schon 50. Er hat immer Schritt für Schritt seine Konsolidierung

Orgelfigur David in St. Peter

vorbereitet. Der erste Schritt war der des akademischen Bürgerrechts - also des Bürgerrechts an der Universität -, was dann allerdings anders lief, als er es vorgehabt habt, weil ihm die Universität für sein Dafürhalten ungerechtfertigte Auflagen macht, hat er dankend abgelehnt und wurde Ehrenbürger der Stadt vorrangig durch seine Verdienste als Künstler. Dann hat er den St. Galler Auftrag abgeschlossen und damit eine Menge Geld gemacht. Er hat schon vorher gut verdient, doch hat er sich durch St. Gallen vollständig unabhängig gemacht.

Der Wentzinger hat sein Geld stets arbeiten lassen, verlieh es gegen Zins, hat die Grundstücke am Münsterplatz gekauft und hat eben die Gründung einer Familie vorbereitet. Es hat sicher schon länger eine Verbindung bestanden zu Katharina Egg, einer Tochter aus gutem Haus. Ihr Vater war Bürgermeister, Zunftmeister der Edelsteinschleifer. Ein Gewerbe, was ja mal sehr wichtig war in Freiburg und einen gewissen Neuaufschwung erlebt hat in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das heißt: der Egg hat ein relativ großes Vermögen zusammengebracht und seine Tochter Katharina war die einzige Überlebende der Kinder und hat das gesamte Vermögen allein übernommen. Bei dieser Heirat wäre also Geld zu Geld gekommen. Ein Verbindung auf gleicher Ebene.

Nur Katharina Egg hat sich eben anders entschieden. Heinrich Sautier, auch ein großer Stifter Freiburgs und Freund von Wentzinger, schreibt sinngemäß: einmal im Leben freit er um die Hand dieser reichen Bürgerstochter und sie lehnt eben ab in aller Freundschaft und sagt: "ich habe an den Armen im Spital der lieben Kinder genug." Und dies führt Wentzinger zu einer grundlegenden Entscheidung in der Mitte seines Lebens, er entscheidet sich für ein zölibatäres Leben und dafür, sein großes Vermögen für die Armen zu spenden. Er vermehrte es weiterhin, aber nun eben nicht für seine eigene Nachkommenschaft, sondern für die Armen der Stadt. In den 1770iger Jahren setzt er dann das Armenspital als Universalerben ein und folgt damit dem Beispiel von Katharina Egg, die mit 34 Jahren 1767 an einer Lungenkrankheit, wohl Schwindsucht, stirbt. Sie hat über 30.000 Gulden gestiftet für die Armen und hat eine ganz kluge Entscheidung getroffen, an die sich Wentzinger auch dranhängt. Sie hat die Medizinprofessoren der Universität als Aufsichtsrat über die Stiftung eingesetzt und verfügt, dass die Medizinprofessoren mit ihren Studenten im Spital eingesetzt werden. Ursprünglich waren hier nur Pflegekräfte tätig, oft Kapuzinermönche, oder bei dem Frauen entsprechende weibliche Hilfskräfte. Aber ärztliche Versorgung gab es nicht, auch im Reichenspital nicht. Die Spitäler sind ja keine Krankenhäuser, sondern Altenpflegeeinrichtungen. Wenn jemand einen Arzt brauchte, musste er ihn selbst bestellen und bezahlen. Einen eigenen Arzt im Spital gab es nicht. Da hat Katharina Egg verfügt, dass die Mediziner der Uni die Kranken besuchen sollten, was auch einer Wiener Richtlinie entgegengekommen ist, die bestimmt hat, dass zur ärztlichen Ausbildung auch die am lebenden Kranken gehört, die es früher nicht gab. Vorher kamen die Medizinstudenten nie mit Kranken in Berührung. Sie haben seziert und theoretisch gelernt, und erst als fertige Ärzte sind sie auf die Kranken losgelassen worden.

Diese Verbindung zwischen städtischem Armenspital und Universität zeigt Wirkung bis heute, weil wir immer noch heute keine städtische Klinik brauchen. Die Uniklink hat immer gleichzeitig als Krankenhaus der Stadt fungiert. Auch die Stadt hat immer bis zum Neubau der Uniklinik diese stets aus Stiftungsmitteln mitfinanziert. Deswegen heißt auch die Kirche der Uniklinik „Heilig Geist Kirche“, weil sie auf dem Gelände der Heiliggeistspitalstiftung errichtet worden ist, in die die Armenspitalstiftung später eingebunden wurde.

Weh: Sie sprechen von 30.000 Gulden. Mit welchem Eurobetrag kann man dies vergleichen?

St. Gallen Stiftskirche

Kalchthaler: Es ist schwierig. Man kann diese Summe ins Verhältnis setzen mit Wentzingers Haus. Die Testamentsvollstreckung des Hauses hat 11.000 Gulden gebracht. Wentzingers Stiftung war 70.000 Gulden schwer. Wenn man dies ins Verhältnis setzt, sind es beides Millionenbeträge. Wentzingers Haus war relativ neu, top Lage, bessere Lage gab´s gar nicht. Zu DM-Zeiten ging man immer davon aus, dass beide Stiftungen ca. 20. Mio DM entsprechen. Eine Kuh hat 3 Gulden gekostet, Brot ein paar Kreuzer.

Bantel: Ja Herr Kalchthaler, vielleicht wissen Sie es gar nicht, dass die Schülerinnen und Schüler des Wentzinger Gymnasiums ganz im Sinne Wentzingers handeln, denn wir haben eine Kooperation mit dem Johannesheim und der Kartaus. Schüler gehen dorthin, gestalten Nachmittage mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Da geht es vom historischen Interview über Gedichtvorträge bis zur gemeinsamen Sitzgymnastik. Auf der anderen Seite bekommen wir von der Heiliggeist-Stiftung noch heute unsere Abiturpreise gestiftet. Und das wäre doch sicher ganz im Sinne von dem, was Wentzinger angeregt hat

Kalchthaler: Mit Sicherheit, Wentzinger hat schon zu Lebzeiten, heute würde man sagen, sich modern sozial engagiert. Da hat sich aber noch verstärkt nach der Entscheidung, nicht zu heiraten und sein Geld zusammen zu halten für die Armen. Auch hat er kostenlose Entwürfe gespendet für den Umbau der Sapienz zum Krankenspital usw.

Bantel: Als es darum ging, unserer Schule einen Namen zu geben, gab es einen großen Streit. Denn die Realschule hat Wentzinger vorgeschlagen, die Gymnasialseite hat den Heinrich Heine vorgeschlagen. Man konnte sich nicht einigen. Das ganze ging vor den Stadtrat, da gab es einen richtigen Sturm im Wasserglas und mit einer einzigen Stimme Mehrheit hat man sich für Wentzinger entscheiden. Viele von den alten Gymnasiallehrern haben das bis heute nicht verwunden.

Peter Kalchthaler und Wolfgang Bantel am 5.9.08 im Wentzinger

Kalchthaler: lacht

Bantel: Vielleicht ist das auch der Grund, warum man bis zum heutigen Tag vom Wentzinger so wenig spürt. Wenn Sie es heute als jemand, der auch in der Stadtpolitik engagiert ist, einschätzen: war es die richtige Entscheidung?

Kalchthaler: Nun ich denke, dass eine regionale Entscheidung immer die bessere Entscheidung ist. Heinrich Heine Schulen gibt es wie Sand am Meer. Jede größere Stadt hat eine Heinrich Heine Schulen. Bei aller Bedeutung, die Heinrich Heine hat, er hat mit Freiburg Null zu tun. Es steht einer Stadt gut an, wenn sie ihre heimischen Größen ehrt und wenn man, wir wie es in diesem Gespräch versucht haben, Bezüge zur Tätigkeit und zum Profil einer Schule herstellen kann. Mit Rotteck ist es dasselbe, oder mit Berthold vom Zähringen.
Wentzinger ist sicher einer bedeutendsten Künstler im süddeutschen Raum und sicher der bedeutendste im 18. Jahrhundert. Leider ist er aber eher unbekannt außerhalb Freiburgs. Umso besser ist es dann, dass sich eine Schule anlässlich eines Jubiläums zum Beispiel sich einer solchen Persönlichkeit wieder annimmt. Für Wentzinger wäre das das Jahr 2010, sein 300. Geburtstag.

Weh: Herr Kalchthaler, lieber Wolfgang, vielen herzlichen Dank für dieses Interview.