Wentz-Solar

Kabarett 09: "Ich hol’ mehr raus als ich reinstecke" BZ vom 20.7.09

Als Pianist ist Christian Reck-Würges seit 25 Jahren alljährlich beim Kabarettabend des Wentzinger-Gymnasiums in Aktion zu erleben. Im "echten" Leben ist der 40-Jährige zuständig für den administrativen Bereich des Auktionshauses Bloss in Merzhausen. Was er als musikalischer Leiter des Kabarettensembles an Improvisationskunst drauf haben muss, das verlangt seine tägliche Arbeit an Präzision von ihm.

Beides, sagt der lebhafte Allrounder, liegt ihm. Der Mann im Hintergrund, der in die Tasten haut: Christian Reck-Würges, machte beim Wentzinger-Schulkabarett schon mit, als die jetzigen Mitspieler noch gar nicht geboren waren. Die Kabarettgeschichte, die habe für ihn als Wentzingerschüler in Klasse 9 begonnen, als er über die Musik dazugestoßen sei: "Und dann hab’ ich irgendwie nie mehr den Absprung geschafft." Im Gegenteil. Der studierte Mathematiker ist dem Projekt "Kabarett" an seiner ehemaligen Schule so verbunden geblieben, dass er das ganze Schuljahr über jeden Montagabend mit dabei ist, wenn die kleine Truppe probt.

Der Mann im Hintergrund, der in die Tasten haut: Christian Reck-Würges, machte beim Wentzinger-Schulkabarett schon mit, als die jetzigen Mitspieler noch gar nicht geboren waren. | Foto: Thomas Kunz

Ihm sei der gesamte Prozess wichtig, in dem das komplett von Schülerinnen und Schülern erdachte und getextete Programm entsteht. So wichtig ist Christian Reck-Würges dieses – ehrenamtliche – Engagement, dass er seine Arbeit auch nach 25 Jahren noch "hochspannend" nennt: "Da kommen jedes Schuljahr acht, zehn, zwölf Schüler, die sich zunächst mal relativ reserviert verhalten – und dann entdecken die sich." Entdecken, welche Wirksamkeit sie entfalten können, lernen, "ihr Herz über die Rampe zu werfen". Das braucht ganz viel Zeit, weiß er aus eigener Erfahrung – und reicht von seiner eigenen Zeit entsprechend viel rüber an die Jugendlichen. Die singen mit seiner musikalischen Unterstützung was das Zeug hält. Aber das machen sie erst, nachdem sie sich – fachmännisch vom Pianisten angeleitet – eingesungen haben. Arme kreiseln, schnaufen, tönen: Dieses Schuljahr sind es elf, die mit Witz und Biss unterhalten wollen, erstmals übrigens in der brandneuen Aula und erstmals auch mit dem üppigen Steinway-Flügel auf der Bühne, der hier getestet wird.

Christian Reck-Würges hat mit sechs Jahren angefangen, Klavier zu spielen – und er jazzt und rockt genauso gerne und gut, wie er sich auch "seinen Debussy" vorknöpft. Fürs Kabarett gibt er von der Riesenkaskade bis zur samtigen Ballade den Sound vor, musikalischer Leitwolf für die Jugendlichen, die hier das Junge-Mädchen-Ding genauso zur Sprache bringen wie die Bankenkrise. Da schmettern sie frech mit Klavierbegleitung "Wir verkaufen unser Kunden ihr klein Häuschen" und planen Staccato den "Bababababanküberfall". In wenigen Tagen ist Premiere – und der Mann am Klavier, pardon, am Flügel gibt nicht nur den richtigen Ton an, sondern findet auch den richtigen Ton, wenn was Nachbesserung braucht oder ein bisschen mehr Schwung. "Für mich ist das ein Privileg, hier mitmachen zu können", sagt er fröhlich, "und ich hole da für mich viel mehr bei raus, als ich reinstecke."

Für Franz-Karl Opitz, der als Lehrer das ganze Kabarett-Unternehmen stützt und begleitet, ist dieses Selbstverständnis des Musikmannes eine große Hilfe. Der beschränkt seine Mitarbeit im übrigen auch gar nicht auf den Tastenjob: "Ich bin auch ein Ansprechpartner für inhaltliche Fragen, für die Texte.""Ich habe begriffen, wie kostbar Lebenszeit ist."


Den Szenenwechsel zum Auktionshaus macht er ohne Umschweife. Stunden später sitzt Christian Reck-Würges genauso selbstverständlich wie eben am Flügel nun zwischen kunstvoll rosenbemaltem Porzellan, Keramikvasen, kleinen Statuen, telefoniert, kalkuliert. Ende der 80er Jahre absolvierte er seinen Zivildienst in Freiburg in der Altenpflege. Das sei ein großes Glück für ihn gewesen, erklärt er: "Ich durfte als ganz junger Kerl sehr nah miterleben, wie Altwerden, Kranksein, Sterben stattfindet – seither habe ich begriffen, dass Leben endlich – und wie kostbar Lebenszeit ist." Entsprechend habe er zum Beispiel auch sein Mathestudium regelrecht finden müssen: "Da ist alles dran – es ist hochkreativ und klar strukturiert!" Und dass ihm dieses beides zusagt, zeigt die Freude, mit der er sich für die Auktionshausarbeit genauso stark macht wie für die Schülerkabarettproduktionen. Für die hat er noch ein himmlisch poetisches Bild: "Wenn die Schülerinnen und Schüler sich bei ihrer Arbeit dort allmählich selbst entdecken, dann ist das wie Blüten, die sich öffnen."

"Alles wie immer – nur schlimmer" ist am Dienstag, 21., Mittwoch, 22., und Donnerstag, 23. Juli, jeweils um 20 Uhr in der neuen Aula des Wentzingergymnasiums, Falkenberger Straße 19, zu sehen. Eintritt frei, Spenden erbeten.