Sommerkonzerte der Unterstufen-AGs 2012

Überall klingt und singt es (BZ vom 2.7. 2013)

Freiburg: das SWR-Sinfonieorchester und Schüler beim Familienkonzert.

Vivarium Vivarium
Bilder von den ersten Proben im Konzerthaus

"Musiklabor" nannte sich die Kooperation des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg mit der Freiburger Paul-Hindemith-Grundschule, der Wentzinger-Realschule und dem Wentzinger-Gymnasium, die jetzt nach dreijähriger Laufzeit im Konzerthaus zu einem unterhaltsamen Finale fand. Kinder und Jugendliche sollten durch eine Vielfalt von Aktionen mit klassischer und Neuer Musik in Berührung gebracht werden. Dem Abschlusskonzert nach zu urteilen, ist das jedenfalls vollauf gelungen. Zwei Kompositionen von Manos Tsangaris waren zu hören – oder besser: zu erleben. Denn ums Hören allein ging es da nicht.

In "Vivarium" ist auf der Bühne des Konzerthauses alles in Bewegung: Passantenströme flanieren hin und her, während SWR-Chefdirigent François-Xavier Roth sich in parodistisch gesellschaftsanalytischem Kauderwelsch ergeht. Eine Kochsendung wird nachgestellt, im "Aquarium" betitelten Teil robben die Ausführenden auf dem Bühnenboden umher, von den Seitenrängen regnet es bröckchenweise Futter. Die musikalischen Einwürfe geraten bei so vergnüglichem Trubel fast ganz an den Rand.

TsangarisDie Konzepte binden Schüler und Profis ein

Tsangaris’ Konzepte binden Schüler und Profi-Musiker gleichermaßen ein. Ohne Berührungsängste wirken beide sowohl in "Vivarium" als auch in "Freigehege" zusammen, das das ganze Konzerthaus in einen musikalischen Resonanzkörper verwandelt. Im Foyer, in den Konferenzräumen, in den Sälen: Überall klingt und singt es. Das Publikum – viele Familien mit Kindern – darf nach Belieben zwischen den Darbietungen herumwandern. Im "Raum der Geläufigkeit (und Präparation)" spielt ein Streicherensemble, siebenhändig wird ein präpariertes Klavier bearbeitet. Ein brezelessender Junge mit Hämmerchen ist für das "Inside-Piano-Percussion" zuständig, dieweil nebenan eine Kindergruppe Fangen spielt. Aufmerksamkeit erregt "Dirigent und Licht": Roth lümmelt sich mal schläfrig, mal häppchenessend und telefonierend in einem Sessel, während im Nebenraum eine Instrumentalformation sich an seinem nachlässigen Taktschlag zu orientieren versucht.

Jede Menge Gags, Einblicke ins Funktionieren von Musik und Orchester, kritisch-witzige Kommentare zum Musikbetrieb: Die bevorzugte Lesart der Darbietungen ist den Besuchern anheimgestellt. Profis und Schüler sind, was die musikalischen Teile anbelangt, mit Ernsthaftigkeit und Sorgfalt am Werk, vermitteln aber auch ansteckend das allgegenwärtige ironische Augenzwinkern – und den Spaß an der Sache. Denn den hatte auch das Publikum durchaus reichlich.

Leitung: François-Xavier Roth

VivariumVivarium und Freigehege. Innen und Außen. Sehen und gesehen werden, hören und gehört werden. Zuhören. Welt entdecken und sich selbst entdecken; Welterfahrung im Bild eines Zoos. Manos Tsangaris entwirft für das Abschlusskonzert der Schülerkooperation "Musiklabor" dreier Freiburger Schulen mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zugleich ein szenisches Konzert wie auch ein Tableau vivant für Orchester, Solisten und Schülergruppen, für Passanten, Tanten und Exorbitanten, für Haushunde, Objekte, Transportmittel und Licht, in das wie selbstverständlich auch die Zuhörer als aktive Partner einbezogen sind. "Vivarium und Freigehege" ist der Versuch, Laien- und Profimusiker angemessen in ein gemeinsames polymediales Kunst-Ereignis zu binden, mit der Bereitschaft, Kunstproduktion und Kunstwahrnehmung immer zugleich als ästhetisches und soziales Phänomen zu begreifen. Der Konzertsaal und seine Foyers als herunter gebrochene Welt für eingezäunte ästhetische Kunstwahrnehmung und freie Persönlichkeitsentfaltung. Der Soundtrack als Teil des Lebens.
Welt? Wo? Real oder virtuell? In uns oder neben uns? Glück ist, so Walter Benjamin, unserer selbst "ohne Schrecken inne zu werden." Kunsterfahrung ist verdichtete Welterfahrung — gleich ob Laie oder Profi.

 

 

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