Inge Auerbacher zu Gast im Wentzinger-Gymnasium


Zeugin des Holocausts, Botschafterin des Friedens: Inge Auerbacher zu Gast im Wentzinger-Gymnasium

Auerbach1„Ich bin eure große Schwester“, so begrüßte Inge Auerbacher am vergangenen Mittwoch, 26.3.14, die Schülerinnen und Schüler unserer Kursstufe 1 in der Aula. Sollte eine gewisse Beklommenheit angesichts einer Überlebenden des Holocausts bestanden haben, Inge Auerbacher verstand es schnell, die Schülerinnen und Schüler für sich zu gewinnen. „Ihr seid unschuldig“, machte sie den Zuhörern schon zu Anfang klar. Den Tätern vergeben oder gar die Taten vergessen, das sei unmöglich. Aber die heutigen Jugendlichen seien mehrere Generationen später geboren, für Inge Auerbacher sind es Freunde.

Lebendig erzählte sie aus ihrem Leben, untermalt durch Fotos von Stationen, die ihr Leben prägten. Dabei verstand sie es ausgezeichnet, ihre eigene Biographie und die „große Geschichte“ miteinander zu verbinden. Geboren wurde Inge Auerbacher 1934 in Kippenheim (bei Lahr) als Kind einer deutsch-jüdischen Familie. Wie viele Deutsche jüdischer Religion legte ihre Familie großen Wert auf ihr Deutschsein. Der Vater war im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden, mehrere Männer der Familie waren auf deutscher Seite gefallen. Bewusst hatte sie einen typisch deutschen Vornamen erhalten. „Ich war mehr Deutsche als Hitler“, betont Inge Auerbacher. Mit der Kristallnacht im November 1938 begann für sie der Nazi-Schrecken. Schonungslos berichtet sie von den erlebten Verbrechen, von der Zerstörung der Kippenheimer Synagoge, von der Verhaftung des Vaters und Inhaftierung im KZ Dachau, von seinen Bemühungen, die Familie vor der Deportation in den Osten zu bewahren. Zunächst war er damit erfolgreich, die Familie kam im schwäbischen Jebenhausen unter. Einzig die Großmutter entkam dem Transport nicht; sie wurde mit vielen anderen Menschen in einem Wald bei Riga von Deutschen erschossen und in einem Massengrab verscharrt. Bewegt erzählt Inge Auerbacher davon, wie sie Jahrzehnte später diesen Ort besuchte und sich von ihrer Großmutter verabschiedete. Sie selbst besuchte für ein halbes Jahr die jüdische Zwangsschule in Stuttgart, bevor sie mit ihren Eltern 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt wurde. Von den Nazis wurde Theresienstadt als Lager für Privilegierte dargestellt, Inge Auerbacher erzählt dagegen von Hunger, Typhus, vom Vegetieren auf engstem Raum. Im Lager selbst starben an den verheerenden Umständen über 30000 Menschen, die meisten aber wurden weiter in die Vernichtungslager in den Osten deportiert, vor allem nach Auschwitz, und dort ermordet. Von 15000 Kindern in Theresienstadt überlebten nur etwa 150, Inge Auerbacher war eine davon. Nach dem Krieg wanderte sie mit ihren Eltern in die USA aus, wurde amerikanische Staatsbürgerin und musste in Folge der erlittenen Tortur schwere Krankheiten überstehen. Sie überlebte, wurde Chemikerin und arbeitete in der medizinischen Forschung. Und das, obwohl sie erst mit 15 Jahren regelmäßig eine Schule besuchen konnte.

Auerbach2Inge Auerbachers Erzählung bewegt, weil sie längst vergangene Geschehnisse wiedergibt, als seien sie gerade erst geschehen. Die Ermordung der Großmutter; die Männer, die in den Kippenheim den Kronleuchter der Synagoge zerstörten; das Nichtstun der meisten Mitbürger; der Appell in Theresienstadt 1943, als sie, die Achtjährige, mit vielen tausend Häftlingen einen regnerischen Tag lang ohne Essen auf einem schlammigen Feld festgehalten wurde, ein SS-Mann ihre Mutter mit dem Gewehrkolben schlug, und sie glaubten, nun auch deportiert zu werden; ihre Freundin Ruth, die eine Künstlerin hätte werden können, aber wohl in den Gaskammern ums Leben kam; die Betrunkenen, die noch 1968, als Inge Auerbacher einen Studienplatz in Heidelberg bekam, auf offener Straße Nazi-Lieder grölten – all das empört sie noch heute, und als Zuhörer schließt man sich der Empörung an.

Und dennoch ist Inge Auerbachers Erzählung von Liebe zu den Menschen und zum Frieden geprägt. Ihre Puppe Marlene, von ihr nach Marlene Dietrich benannt und heute im Washingtoner Holocaust-Museum zu betrachten. Die Frau, die ihr, dem Kind mit dem Judenstern an der Jacke, wortlos eine Tüte Brötchen hinstellte, um ihre Solidarität auszudrücken. Die Nachbarn im Schwäbischen, die die verfolgte jüdische Familie heimlich versorgten. Ihre Eltern, die sie durch die Zeit gebracht haben. Ihre heutigen Nachbarn in New York, Christen, Juden, Moslems und Hindus . Ihnen gilt Inge Auerbachers Freundschaft und Zuneigung. Ihre Lust zu leben und ihren Glauben hat sie nicht verloren. Aus ihrer Biographie schlägt sie eine Brücke in die Gegenwart. Heute bereist sie die Welt und berichtet von ihrem Leben. Eine Botschafterin und Kämpferin für den Frieden, die aufgrund ihrer Erfahrungen, ihrer – trotz alledem – Lebensfreude und ihrem Humor glaubhaft und überzeugend ist. Für unsere Schülerinnen und Schüler, auch für die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer war die von Frau Casetou, der Fachschaft Geschichte und unserer Technik-AG organisierte Veranstaltung ein berührendes Erlebnis.

Torsten Gass-Bolm

 

Weitere Bilder (C. Gangotena)

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Buch-Tipp: Wer Inge Auerbachs Autobiographie lesen möchte:

Inge Auerbacher: Ich bin ein Stern, Weinheim (Beltz & Gelberg) 2013 (8.Auflage, 104 Seiten, leicht zu lesen), 5,95€.