Rupert Neudeck

Die stumme Masse in der Klasse (BZ vom 16.11.09)

Jeden Morgen Bauchweh, plötzlich schlechtere Noten oder aggressives Verhalten – die Anzeichen für Mobbing können bei Kindern ganz unterschiedlich aussehen. Um Eltern und Lehrer für das Thema zu sensibilisieren, hat der Gesamtelternbeirat der Freiburger Schulen in den Wentzinger-Schulen (Mooswald) einen Vortrag des Psychologieprofessors Adolf Gallwitz organisiert.

Jedes vierte Kind sei schon einmal gemobbt worden, betonte Gallwitz, der an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schweningen lehrt und Experte für Jugendgewalt ist. Ohne Hilfe, sagt er, könnten Kinder an der Situation selten etwas ändern. Von "Mit dir spielen wir nicht mehr" über demütigende Videos in Online-Netzwerken bis hin zu Gewalt – Mobbing gebe es in sehr verschiedenen Formen, erklärte Adolf Gallwitz, doch eines hätten sie gemeinsam: dass nämlich das Opfer über einen längeren Zeitraum, mindestens ein halbes Jahr, schikaniert und sozial isoliert wird. Und das geschieht dem Experten zufolge häufig: In einer Klasse mit 30 Kindern oder Jugendlichen gebe es durchschnittlich zwei bis drei Mobber und zwei bis drei Mobbingopfer. Die Zahlen überraschen das Publikum kaum. Die anwesenden Lehrer, Eltern, Schülerinnen und Schüler haben fast alle schon mal damit zu tun gehabt. Um die Situation an ihrer Schule, dem Droste-Hülshoff-Gymnasium (Herdern), zu verändern, machen die Zwölftklässlerinnen Julia Böhringer und Stephanie Ringwald ein Seminar zum Thema Mobbing. Sie wollen in den einzelnen Klassen ihrer Schule herausfinden ob gemobbt wird und wenn ja, warum. "Es trifft oft die ganz Dummen oder ganz Schlauen", glaubt Stephanie Ringwald. Fachmann Gallwitz sieht das anders: "Gemobbt werden kann jeder."

Der häufigste Fehler von Lehrern und Eltern sei es, Mobbing zu unterschätzen: "Wenn gemobbt wird, kommen Kinder oder Jugendliche aus der Situation alleine nicht raus. Abwarten ist da der falsche Weg." Und wer Opfer und Täter den Konflikt "unter sich" austragen lasse, mache alles nur noch schlimmer: "Das Opfer wird nach so einem ,Gespräch’ mit dem Täter gar nichts mehr sagen." Stattdessen müsse mit der gesamten Klasse gearbeitet werden, empfiehlt Gallwitz: "Die stumme Masse in der Klasse, die den Mund nicht aufmacht, weil sie selbst Angst hat, zu Opfern zu werden, die muss zum Reden gebracht werden." Ob dies durch intensive Gespräche, Rollenspiele oder einen Anti-Mobbing-Schulvertrag geschehe, hänge von der einzelnen Klasse ab. Ein Patentrezept gegen Mobbing gebe es nicht, erklärte der Polizeiprofessor. Wichtig sei, dass Eltern und Lehrer gemeinsam an einem Strang zögen und klare Regeln aufstellten.