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Abitur 2004 - Rede des Schulleiters Wolfgang Gillen

Nach den Glückwünschen und Danksagungen ist es gemeinhin üblich, dass der Schulleiter seinen Abiturienten noch einige Worte mit auf den Weg gibt, sozusagen als letzte "pädagogische Chance". Meist sind dies erbauliche Worte nach dem Motto: "Nun stehen Ihnen alle Türen offen" oder "Sie sind die Elite"...
Keine Angst, ich möchte diese Gelegenheit nicht missbrauchen, mich an der unglückseligen Diskussion über "Eliten" zu beteiligen. Mir genügt es, Menschen zu entlassen - und dies ist nur bei oberflächlicher Betrachtung ein bescheidener Anspruch.

Aber was sagt man jungen Menschen anlässlich einer solchen Abiturfeier in der heutigen Zeit? Hoffnungsvoll sollen die Worte ja sein, Freude und Optimismus verbreiten!
Als ich hierzu etwas niederschreiben wollte, wurde ich sehr nachdenklich.

Ist es überhaupt möglich, jungen Menschen echte Perspektiven zu eröffnen angesichts der Tatsache, dass für immer mehr Menschen auf der Welt und gerade bei uns in Deutschland immer weniger Arbeit da ist?
Kaum ein Tag vergeht, an dem uns nicht neue Hiobs-Botschaften erreichen, wie viele Arbeitsplätze erneut den Börsenkursen geopfert werden müssen.

Ist es überhaupt möglich, jungen Menschen das Gefühl von Zuversicht und Sicherheit zu geben angesichts der Tatsache, dass die weltweite Bedrohung durch Krieg und Terror eher größer zu werden scheint?
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht die Nachrichten nicht von Bombardierungen und Terroranschlägen berichten.

Ist es überhaupt möglich, jungen Menschen Vertrauen in Redlichkeit von Staat und Gesellschaft zu geben angesichts der Tatsache, dass Staaten, die für sich reklamieren, Hüter der Menschenrechte und der Rechtstaatlichkeit zu sein, die Welt in sinnlose Kriege verwickeln? Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Lügen, Machenschaften und strategische Kalküle des Machterhalts entlarvt werden.

Ist es überhaupt möglich, jungen Menschen guten Gewissens unsere Welt zu übergeben angesichts der Tatsache, dass wir trotz gegenteiliger Beteuerungen unsere Natur und Umwelt radikal einer Wachstumsideologie opfern, für die Fortschritt lediglich in Quantitäten fassbar ist. Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht mit neuen Umweltkatastrophen konfrontiert werden.

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen.

Ist es da verwunderlich, dass ein Schulleiter ins Grübeln gerät, wenn er an seiner Abi-Rede bastelt?
Sind nicht die Optimismus verbreitenden Abiturreden nichts anderes als Schönfärberei, versöhnliche Sonntagsreden, die vertuschen wollen, dass wir, die Alten, die Zukunft der Jugend schon längst verspielt haben?

Ich gebe zu, diese wenig erbaulichen Worte scheinen so ganz und gar nicht in die Fröhlichkeit einer Abschlussfeier passen zu wollen. Und es wäre in der Tat unverantwortlich, würde ich Sie allein mit einem solchen Szenario der Hoffnungslosigkeit hier und heute verabschieden.

Ich habe einige der drängenden Fragen gestellt, weil es unredlich wäre so zu tun, als gäbe es sie nicht. Aber ich habe sie auch gestellt, weil ich zutiefst davon überzeugt bin dass es Aus-Wege gibt, dass auch Sie eine Zukunft haben, in die es sich lohnt zu investieren.
Denn trotz allem oder besser: "Allem zum Trotz", ich behaupte, es gibt eine Antwort. Kein Patentrezept! Aber einen Weg. Und das Schöne daran ist, einen Teil dieses Weges sind wir bis letzte Woche gemeinsam gegangen, und - ganz ohne Zweckoptimismus - ich bin zuversichtlich, dass Sie diesen Weg nun alleine und eigenverantwortlich weiter gehen werden.

Dieser Weg heißt "Bildung".
Aber was meint dieser schillernde Begriff eigentlich, der aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts auf einmal wieder überall herumgeistert? Manch einer denkt bei "Bildung" vielleicht an Günter Jauch oder Jörg Pilawa, manch einer bekommt bei dem Gedanken an "Bildung" vielleicht ein schlechtes Gewissen, weil der den letzten Volkshochschulkurs abgebrochen hat, manch einer glaubt vielleicht, Bildung sei das, was das Kultusministerium uns verordnet.
Dies alles meint "Bildung" sicherlich nicht.
Es gibt einen Grund und einen Anlass, warum ich gerade diesen Begriff in das Zentrum meiner Überlegungen stelle. Der Anlass ist der heutige Tag. Damit meine ich zwar auch diesen Anlass, der uns hier zusammengeführt hat; aber der heutige Tag hat noch eine andere Relevanz: es ist der letzte Tag, da Johannes Rau unser Bundespräsident ist. Schon morgen wird Horst Köhler in Schloss Bellevue einziehen. Und ich hoffe, dass der Wechsel vom Sohn eines Predigers zum Globalökonomen nicht gleichzeitig Symbol für den Paradigmen-Wechsel in der Gesellschaft ist.
Johannes Rau hat in diesem Jahr, dem Jahr Ihres Abiturs, ein Buch geschrieben, das in der Öffentlichkeit leider - wie ich meine - viel zu wenig Beachtung gefunden hat. Es trägt den Titel: "Den ganzen Menschen bilden - wider den Nützlichkeitszwang".
Darin ist viel von dem zu lesen, was den Grund ausmacht, warum ich an dieser Stelle unser Augenmerk auf "Bildung" lenken möchte.

"Die Anforderungen des Arbeitsmarktes sind heute anders als vor 30 Jahren und oft auch höher. Dennoch: wir dürfen Bildung nicht darauf beschränken, junge Menschen auf den Beruf und den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Wer ausschließlich vom Bedarf her denkt, hat schon verfehlt, was mit Bildung eigentlich gemeint ist.
Ziel der Bildung ist nicht zuerst die Befähigung zum Geldverdienen. Bildung schielt und zielt nicht auf Reichtum. Aber sie ist ein guter Schutz vor Armut, vielleicht sogar der Wirksamste.
Bildung ist auch etwas anderes als Wissen. Wissen lässt sich büffeln, aber Begreifen braucht Zeit und Erfahrung.
Ich beobachte eine Ungeduld, die schnell nach den Früchten der Bildung fragt, ohne zu bedenken, dass eine gute Frucht auch eine gute Blüte und eine Zeit der Reife braucht.
Selbstständig und frei denken zu lernen: darum geht es nach wie vor.
Denken und Verstehen: Das hat zu tun mit dem ganzen Menschen, mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand.
Denken und Verstehen: Das hat zu tun mit analytischen Fähigkeiten und Phantasie, mit Einfühlungsvermögen und mit der Fähigkeit, sich neue Welten zu erschließen.
Denken Und Verstehen: Das bedeutet, Orientierung suchen, Orientierung haben und Orientierung geben können in einer Welt, die uns mit immer mehr Einfällen, Eindrücken und Einsichten überhäuft." - Soweit der scheidende Bundespräsident Johannes Rau.

Mit dem Abitur haben Sie einen Wissensstand, den Sie in dieser Breite kaum mehr später im Leben haben werden. Als Mathematiker kann ich zwar immer noch ganz gut Gleichungen lösen oder Integrale berechnen, aber bei der Übersetzung aus dem Lateinischen oder der Kenntnis von Geschichtszahlen stoße selbst ich - offen gestanden - schnell an meine Grenzen.
Sie haben viel Nützliches gelernt. Sie sprechen Fremdsprachen, können Themen sachgerecht erörtern, berechnen Extremstellen von Funktionsgraphen, wissen über den Aufbau von Zellsystemen Bescheid und können dies sogar mit Power-Point präsentieren... Mit all dem sind Sie gut gerüstet, um in den Wettbewerb um Studien- oder Arbeitsplätze einzutreten, und allen Pisa-, Tosca- und sonstigen Studien zum Trotz mache ich mir diesbezüglich um Ihre Zukunft keine Sorgen und entlasse ich Sie guten Gewissens.

Aber ich hoffe, Sie alle haben während Ihrer Schulzeit viel Unnutzes gelernt!
Ich hoffe, Sie hatten Gelegenheit, mit Leib und Seele denken und verstehen zu lernen.
Ich hoffe, Sie haben bei allem analytischen Sachverstand Phantasie bewahrt.
Ich hoffe, Sie hatten eine gute Blüte und Zeit zur Reife.
Ich hoffe schließlich, Sie haben Orientierung gewonnen und werden in der Lage sein, Orientierung zu geben.

Lassen Sie mich nun noch einmal genauer darauf eingehen, warum ich denke, dass Bildung im gerade skizzierten Sinne die einzig mögliche Antwort auf die düsteren Fragen ist und warum ich überzeugt bin, dass gerade Sie, die Abiturientinnen und Abiturienten des Wentzinger-Gymnasiums 2004, Auswege finden werden.

Wenn ich gesehen habe, mit welcher Ernsthaftigkeit Sie bereit sind, Leistung zu erbringen und sich mit vielfältigsten Anforderungen auseinander zu setzen, dann bin ich zuversichtlich, dass Sie auch im Berufsleben Ihren Mann / Ihre Frau stehen werden.
Das Jahr 2004, das Jahr Ihres Abiturs, ist ein großes Jahr für Europa. Die Osterweiterung des 1. Mai ist ein mutiger Schritt. Noch vor wenigen Jahren trennten Mauern und Stacheldraht Ost und West, ließen junge Menschen ihr Leben bei dem Versuch, diese schrecklichen Grenzen zu überwinden. Hätte uns zu der Zeit, da Sie etwa geboren wurden, jemand gesagt, bei Ihrem Abitur sind z. B. Ungarn, Tschechien oder gar die baltischen Staaten als Teile der früheren Soviet-Union Mitgliedstaaten eines freien Europa, ein mitleidiges Lächeln über so viel Unverstand wäre wohl die Reaktion gewesen. Dieses neue Europa, wo Schüler aus Deutschland und Rumänien gemeinschaftlich das Donau-Delta erforschen können, ist eine Gnade. Zerreden wir es nicht durch die unbegründete Angst um Arbeitsplätze hierzulande. Die Vollbeschäftigung des kalten Krieges ist für mich keine Alternative.

Wenn ich sehe, dass unsere Schule bald den in ihr verbrauchten Strom durch Sonnenenergie selbst erzeugen können wird und dieses Gemeinschaftsprojekt von Eltern, Schülern und Lehrer wesentlicher Bestandteil unseres Schulprofils ist, dann bin ich zuversichtlich, dass unsere Abiturienten die ökologische Herausforderung der Zukunft begriffen haben. Wenn unsere Generation sich in kleinlichem Gezänk um Grenzwerte und Emissionshandel zerreibt, müssen Sie es demnächst besser richten!

Wenn ich sehe, wie jungen Menschen hier im Hause Gemeinschaft erleben in Chor und Orchester, Theater und Kabarett und den vielen Sportveranstaltungen oder Erste Hilfe leisten, wann immer nötig, dann bin ich zuversichtlich, dass Vertrauen und zwischenmenschliche Solidarität wieder an Boden gewinnen.

Wenn ich schließlich Zeuge einer Religionsprüfung sein durfte, in der die Parallelität von Bergpredigt und der radikalen Gewaltlosigkeit eines Mahatma Ghandi aufgezeigt wurde, so liegt in dieser mutigen Friedfertigkeit die Antwort auf die blind aggressive Spaltung der Welt in Gut und Böse und damit der wirksamste Schutz gegen Krieg und Terror. Ich bin stolz, Schulleiter eines Gymnasiums sein zu dürfen, in welchem traditionsgemäß schon immer Schüler vieler Nationalitäten und unterschiedlicher Kulturkreise miteinander und voneinander viel gelernt haben.
Grenzen werden nur in den Köpfen überwunden; Ignoranz ist der Nährboden von Feindbildern. Deshalb freut es mich, wenn sich junge Menschen verschiedener Kulturen begegnen oder Kollegen die Partnerschaft Freiburgs mit Isfahan unterstützen. Dies vermittelt jenes Einfühlungsvermögen, von dem Johannes Rau spricht, und ist damit ein wesentliches Moment von Bildung.

Lassen Sie mich schließen mit einem sehr persönlichen Erlebnis, das vieles von dem, was ich denke, fühle und hier Ihnen sagen wollte auf eine sehr eigentümliche, einzigartige Wiese zum Ausdruck bringt - ein Erlebnis, das ich eigentlich mit 53.000 anderen Menschen teile. Insider wissen nun vielleicht schon, worauf ich anspiele.
Wenn ein bekannter Rockstar zu Abschluss seines Konzertes* alleine auf der Bühne zurückbleibt und Matthias Claudius rezitiert und dabei Menschen, jung und alt, dicht bei dicht, die Harmonien bewegend begleiten als wären sie zur Einheit verschmolzen, dann hat Bildung hierin einen lebendigen Ausdruck gefunden.
Wir alle kennen die Strophe...

Seht ihr den Mond dort stehen? -
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Zeilen, die die abendländische Philosophie von Sokrates bis Kant in wenigen Worten auf den Punkt bringen.

Darum sollten wir uns alle auch weiterhin bewusst bleiben trotz High-Tec und Internet, wie wenig unsere Augen wirklich sehen.

*Herbert Grönemeyer in Freiburg

 

Gillen