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Abitur 2009 - Rede des Schulleiters Wolfgang Gillen

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste und Freunde des Wentzinger-Gymnasiums,

... < Glückwünsche an die Abiturienten, Eltern, Lehrer >

Dass eine Elite kein Motto braucht, versteht sich. Dass Sie sich mit diesem „Nicht-Motto“ gleichzeitig gegen einen höchst fragwürdigen Begriff wehren, verstehe ich. Denn schon bei meinem eigenen Abitur haben wir dieses Attribut sehr in Frage gestellt. Das war damals ziemlich neu. Bei den geringen Abitur-Quoten in den Sechzigern war es klar, dass die wenigen, die es geschafft hatten, „Elite“ sein mussten. Mancher Abiturient gebärdete sich auch so, als sei er als „Elite“ geboren. Aber was soll das bloß sein: „Elite“?

ex-legere: auslesen à „Elite“: die Auslese der Besten.

Fragt sich nur: Wer liest hier wen aus? Nach welchen Kriterien? ... und wozu ? Warum wird überhaupt ausgelesen? ... und was ist mit dem Rest?

Mit dem Begriff „Elite“ habe ich in meinem Kopf immer die Vorstellung von einem Gärtner verbunden, der Unkraut jätet, nützliche Pflanzen von vermeintlich unnützem Zeug befreit und dabei so manches wertvolle Heilkraut in den Kompost der Gesellschaft wirft.

... < Danksagungen >

Wenn alljährlich nach den Sommerferien ein neuer Jahrgang in die „Dreizehn“ eintritt, beginnt nicht nur für eine weitere Schülergeneration die meist mit Spannung erwartete letzte Runde mit allen Hoffnungen und vielleicht auch Ängsten, die das Abitur so mit sich bringt.

Alljährlich nach den Sommerferien beginnt auch für mich als Schulleiter die Aufgabe, das nächste Abitur anzugehen – ebenfalls mit der Hoffnung, es möge alles optimal gelingen, manchmal auch mit ein wenig Angst, es könnte etwas schief gehen.

Gleichzeitig mache ich mir Gedanken, was das Besondere an diesem Abitur-Jahrgang ist, was genau diese jungen Menschen erwartet, wenn sie im darauf folgenden Sommer das Wentzinger-Gymnasium mit möglichst gutem Erfolg verlassen werden.

So auch im September 2008.

Klar war, dass Sie als Abiturienten 2009 in gewisser Hinsicht die Letzten sein würden. Aber ich hatte auch die Hoffnung, dass Sie in anderer Hinsicht der Ersten sein werden. Beides hat sich bestätigt; Sie sind also auf jeden Fall ein Jahrgang, den etwas Besonderes auszeichnet. Sie sind die Ersten, die Ihr Abitur-Zeugnis in unserer neuen Aula in Empfang nehmen dürfen – dazu habe ich uns alle schon beglückwünscht.

Die „Letzten“ sind Sie, weil Sie die Kursstufe in einem System durchlaufen durften, das noch wenigstens letzte Reste des Geistes in sich trug, mit der vor mehr als drei Jahrzehnten mit der ersten Oberstufenreform der Aufbruch in eine neue Zeit und Bildung begonnen hatte. Aber eigentlich ist das nicht wirklich etwas Besonderes; denn an der Oberstufenreform wurde seit ihrer Einführung ständig herumreformiert, sodass die x-te Reform der Reform der Reform nun ungefähr die Restauration des Schulsystems der fünfziger Jahre darstellt.

...

Zurück zum September 2008.

Was da begann, hat inzwischen die ganze Welt aufgemischt und für uns alle viele neue Fragen aufgeworfen.

Abi 09 – der Krisen-Jahrgang?

Vergleiche mit 1929 werden vielfach rasch gezogen. Die Jugend vor der schwersten Weltwirtschaftskrise, die es je gab? Gibt es da eine Perspektive – Hoffnung auf Glück und Wohlstand wie bisher? Was erwartet uns in einer Welt, in der binnen kurzem so viel Vertrauen zerstört wurde? ... Wo all das, was ein Schulleiter seinen Abiturienten zu Abschied wünschen möchte, so grundsätzlich in Frage gestellt werden muss?

Angesichts der aktuellen Situation wäre es zweifellos unlauter, Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, mit ein paar wohl klingenden Worten in Ihre Zukunft zu entlassen.

Das zunächst eher schlicht und unspektakulär wirkende „09“ Ihres Abi-Jahrgangs wurde für mich zur Herausforderung.

1929 – die weltweite Depression, die wie ein Wirbelsturm aus heiterem Himmel die Welt erfasste und Spuren der sozialen Verwüstung hinterließ, die unversehens eine breite Schneise schlugen, die der politischen Barbarei einen bequemen Weg bereitete.

Das Jahr 1939, das den Anfang des Endes jener Unkultur markiert. Ein Jahr, das der Generation meiner Eltern, Ihrer Großeltern, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, noch lange tief in den Knochen saß.

Dann das Jahr 1949, ein Jahr des Neubeginns, das Geburtsjahr der Bundesrepublik Deutschland. Für den westlichen Teil unserer Republik der Start in eine bis dato kaum erlebte persönliche und politische Freiheit und in ein Wirtschaftswunder, das unseren Eltern und uns Kindern Sicherheit und Hoffnung gab.

Ich werde nun nicht aus Gründen chronologischer Vollständigkeit jedes Neuner-Jahrzehnt bemühen (1959 war z. B. im Weinbau ein Jahrhundert-Jahrgang).

Aber das Jahr 1969 verdient erwähnt zu werden. Das Jahr 68 ist heute bereits zu einem historischen Begriff für den politischen Veränderungswillen der damaligen jungen Generation geworden. Das letzte Jahr 2008 stand im Zeichen der Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen. Im darauf folgenden Jahr 1969

war die realpolitische Konsequenz dieses Umbruchs die erste sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt und Walter Scheel.

Für die vielen Southside-Besucher unter uns: 69 war auch das Jahr von Woodstock, dem großen Urknall aller Open-Air-Pop-Festivals.

Dann das Jahr 1989, das Jahr der deutschen Wiedervereinigung. Glasnost und Perestroika unten dem sowjetischen Präsidenten Gorbatschow gaben zwar Hoffnung auf Wandel. Dennoch hatte keiner erwartet, dass sich der Jahrzehnte lange Ost-West-Konflikt so friedlich löste.

So gesehen, war das Jahr 1999 eher unspektakulär. Abgesehen von der Angst, dass zum Milleniumswechsel Millionen von Menschen in der Sylvesternacht in falsch programmierten Fahrstühlen stecken bleiben – eine Vorstellung, der ich durchaus auch eine gewissen Reiz abgewinnen könnte. Lokal betrachtet gab es nur ein Ereignis von Bedeutung: der erste und bislang einzige Schulleiter-Wechsel am Wentzinger. So gesehen ist Ihr Abitur auch für mich ein kleines Jubiläum. Sie sind der zehnte Jahrgang, dem ich als Schulleiter des Wentzinger-Gymnasiums zum Abitur gratulieren darf.

Und nun 2009 – ein Jahr, in dem nichts mehr zu sein scheint, wie es einmal war.

Ein Jahr, in dem Politiker über Nacht Milliarden locker machen, nur um Autos zu verschrotten, die so mancher Student noch gerne ein paar Jahre gefahren hätte?

Milliarden-Bürgschaften für Banker, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben; wobei man doch allzu gerne den Schülern vorwirft, die Hausaufgaben nicht zu machen.

Der gerade verabschiedete Bundeshaushalt mit einer Rekord-Neuverschuldung von 86 Milliarden Euro, ein Realität gewordener Alptraum?

Damals, im September 08, als Sie in die Dreizehn kamen, galt noch der ausgeglichene Staatshaushalt mit Nullverschuldung als oberstes Ziel.

Jeder, der damals, im September 08, etwa mehr Geld zur Bekämpfung der Armut in Deutschland gefordert hätte oder gar die Ausgaben für Bildung hätte erhöhen wollen, galt bestenfalls als realitätsferner Phantast oder schlimmer als verantwortungsloser Demagoge, der durch Schulden-Macherei die Zukunft der jungen Generation leichtfertig aufs Spiel setzt.

Wie kann sich das alles so schnell gewandelt haben? – Was ist da bloß passiert, nicht nur auf der Welt, sondern vor allen Dingen in den Köpfen, die doch eigentlich die gleichen geblieben sind, zumindest rein äußerlich.

Da kommt man gerade als Schulleiter ernsthaft ins Grübeln.

Vor allen Dingen deshalb, weil man ja selber an der Bildung von Köpfen wesentlich beteiligt ist.

Wenn ich meine persönliche berufliche Biographie vergleiche mit dem, was aller Voraussicht nach auf Sie während Ihres Erwerbslebens wartet, so sehe ich hier nicht nur eine graduelle Veränderung, sondern eine prinzipiell neue Qualität. Schon vor meinem Abitur stand mein Wunsch fest, Lehrer werden zu wollen. Mein Studium war zielgerichtet und anschließend wurde ich Lehrer, tat noch den ein oder anderen Karriere-Schritt in die vorgegebe Richtung. Eine sehr lineare Berufs-Biographie, nicht sehr aufregend, das gebe ich zu. Aber, für die heutige Zeit: ein Unding!

Die moderne Arbeitswelt ist anders organisiert. Netzwerke flacher Hierarchien arbeiten projektorientiert zusammen. Ist die eine Aufgabe bewältigt, werden die Personen bestenfalls zu neuen Teams mit neuer Order zusammengestellt. Oftmals hat sich mit Erledigung der Aufgabe auch die Organisation selber liquidiert. Dann muss man sich in neue Netzwerke hinein begeben.

Feste Bindungen sind da nur hinderlich, Flexibilität heißt das Zauberwort. In einem systemisch organisierten Prozess sind die Fäden bewusst dünn gesponnen; allein die geschickte Konstruktion des Netzes verleiht ihm temporäre Tragfähigkeit.

War noch im 19. und 20. Jahrhundert die Fließbandarbeit und fortscheitende Automatisierung der Grund für die Entfremdung von Mensch und Arbeit, so produziert der neue Kapitalismus des 21. Jahrhunderts mit seinem Paradigma der Flexibilität ein anderes Problem: Die Biographie des Menschen droht in zusammenhanglose Einzel-Etappen zu zerfallen und die mangelnde Erfahrung von Kontinuität und Beständigkeit im persönlichen Leben birgt die Gefahr, dass auch ethische Werte und dauerhafte Überzeugungen sich nicht hinreichend ausbilden können.

Ich wage die Behauptung, dass diese neue Form des Kapitalismus, bei dem Teams junger Menschen, die in Frankfurt, London oder New York an Monitore gefesselt sind, möglichst flexibel und nahezu zeitgleich auf das reagieren müssen, was andere Teams flexibler Menschen in Tokio oder Sydney auf den Weg bringen – dass in dieser Welt kaum Platz ist für die ethisch-kritische Reflexion des eigenen Handelns.

Wen wundert es, dass angesichts dieses Drucks zur Flexibilität das, was heute richtig ist, morgen ganz anders gesehen wird.

Wen wundert es, dass auch die Politik sich diesem Diktat der neuen Weltwirtschaft beugt.

Man ist eben flexibel – und das rechtfertigt mittlerweile nahezu alles.

Flexibilität avanciert so zur Norm, die Handeln begründen können soll. Eine völlig neue, absurde Qualität von Ethik!

Auch die Pädagogik leistet hier ihren Beitrag, teils bewusst, teils ungewollt.

Im Moment scheint es fraglos anerkannt zu sein, junge Menschen zu Teamfähigkeit und Flexibilität zu erziehen. Moderner Unterricht trägt dem dadurch Rechnung, dass Sie als Schüler nahezu in jeder Stunde mit kurzen, überschaubaren, in Mini-Projektform organisierten Arbeitsaufträgen beschäftigt wurden, meist in Gruppen, möglichst mit ständig wechselnden Partnern, damit bloß keine ungeplanten Fixierungen das ergebnisorientierte Zusammenwirken behindern. Jedes Team bearbeitet ein Detail und zum guten Schluss wird alles zu einem präsentablen Ergebnis zusammengebastelt.

Die gesamte Organisationsform der Schule schlechthin huldigt implizit diesem Prinzip durch ständig wechselnde Aufteilungen in Gabelklassen oder Kurssysteme.

Damit ich nicht missverstanden werde: Sich auf häufig wechselnde Situationen in wechselnden Beziehungsgeflechten einstellen zu können ist zweifellos ein wichtiges Ziel schulischer Arbeit, eine Schlüsselqualifikation, wie man zu sagen pflegt – aber nicht mehr!

Parallel dazu kann auf Kontinuität und feste Bindung gerade nicht verzichtet werden. Identitätsfindung und Charakterbildung sind eben kein Resultat zweckgerichteter Flexibilität, vielmehr von Selbstreflexion und zweckfreier Kreativität.

Ich komme zurück auf Ihr Abi-Motto: „Elite braucht kein Motto“.

Eigentlich sollten wir der Elite der super-flexiblen BWL-Yuppies dankbar sein, dass sie gerade noch rechtzeitig unsere Spargroschen verzockt haben; „rechtzeitig“ deshalb, weil so die Absurdität der Wachstumsideologie für jedermann offenbar geworden ist, und: weil es jetzt – hoffentlich – noch nicht ganz zu spät ist, neue, wirklich andere Wege zu gehen.

Dies ist der Grund, warum die aktuelle Krise eine Riesen-Chance bietet.

Die Chance, dass jedem klar geworden ist, dass Kapital sich nicht von alleine vermehren kann, dass nur menschlich Arbeit einen echten Mehr-Wert schaffen kann.

Die Chance, dass dies nun auch von denen begriffen wird, die Fortschritt bisher nur in steigenden Umsatzzahlen definiert haben.

Die Chance, dass die blutige Nase, durch die so mancher schmerzhaft darauf gestoßen ist, dass Wachstum naturgemäß Grenzen hat, eine heilende Wirkung entfalten wird.

Die Chance, dass ein „Weiter-so“ absolut chancenlos ist.

Deshalb blicke ich allem zum Trotz mit Optimismus in die Zukunft, in Ihre Zukunft.

Ich blicke deshalb mit Optimismus in die Zukunft, weil dies alles nun endlich auch an weltpolitisch entscheidender Stelle klar erkannt und ausgesprochen wird.

Barack Obama hat es kürzlich in seiner historischen Rede in der Universität von Kairo treffend formuliert:

“Many more are simply skeptical that real change can occur. There is so much fear, so much mistrust. But if we choose to be bound by the past, we will never move forward. And I want to particularly say this to young people of every faith, in every country - you, more than anyone, have the ability to remake this world.”

Damit legen “wir Alten” die Zukunft in Ihre Hände – in der Hoffnung, dass Sie unsere Fehler nicht wiederholen.

Freiburg, am 27. Juni 2009

Gillen