Mitteilungen
Rundbriefe
 
 

Hier die pdf-Version zum Herunterladenpdf

Abitur 2010 - Rede des Schulleiters Wolfgang Gillen (gekürzt)

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,

liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren!

Im Anschluss an die Glückwünsche zum bestandenen Abitur (und Baccalauréat!) und Danksagungen folgt:

Euch, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, mag es wie eine Ewigkeit vorkommen, Eure Schulzeit am Wentz. Für mich ist der Zeitpunkt Eurer Einschulung jedoch noch sehr präsent. Dies aus einem Grund, der so gar nicht in die ausgelassene Stimmung nach dem bestandenen Abitur zu passen scheint.

Es war Dienstag, der 11. September 2001, am Nachmittag um 15 Uhr, als ich Euch an Eurer neuen Schule begrüßt habe. Also 9.00 Uhr Ortszeit in New York. Dass ich diesen Dienst-Tag nie vergessen werde, ist sicher verständlich. Dass ich hier daran erinnere, soll Eure Freude über den erfolgreichen Abschluss Eurer Schulzeit nicht trüben. Aber Erinnerung – so schrecklich die Ereignisse auch waren – hat auch ihr Gutes. Denn jener Tag hat die Welt verändert und Ihr seid die Generation, die – im wörtlichen Sinn – mit diesem Veränderungs-Prozess groß geworden ist.

In meiner damaligen Begrüßungsrede habe ich gesagt, dass es uns an unserem Gymnasium ein ganz wesentliches Anliegen ist, nicht nur auszubilden für Studium und Beruf, sondern junge Menschen in umfassendem Sinn zu bilden. Aber was heißt das: junge Menschen in umfassenden Sinn zu bilden angesichts einer globalen Wirklichkeit, die sich in atemberaubendem Tempo verändert, die uns morgen schon vor Herausforderungen stellt, die wir heute mit der größten Anstrengung unserer Vorstellungskraft nicht erahnen können. Euer Einschulungstag am Wentzinger ist hierfür ein Beispiel.

Wie eingangs gesagt, ist die kleine Zäsur, die mit dem Entlassen eines Jahrgangs entsteht, für mich ein Anlass, Rechenschaft abzulegen. Es ist Anlass, all das zu hinterfragen, was uns so selbstverständlich erscheinen mag.

Als Schulleiter werde ich oft als der verlängerte Arm des Staates angesehen, also als derjenige, der dafür zu sorgen hat, dass alles so funktioniert, wie Staat und Gesellschaft sich eine funktionierende Schule vorstellen. Aber was erwarten Staat und Gesellschaft eigentlich von Bildung und Erziehung in der Schule?

Schauen wir in die Landesverfassung, so lesen wir:

„Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.“

Ich glaube, dass kaum jemand diesen Auftrag von Schule wirklich kennt oder gekannt hat, als er sein Kind in die Schule geschickt hat. Und ich wage zu behaupten, dass auch viele Lehrer bei ihrem Amtseid nicht wirklich wissen, was die Landesverfassung genau von ihnen verlangt.

Nun ist dies nicht so tragisch, denn jeder tut sein Bestes, um junge Menschen zu beruflicher und sozialer Bewährung, politischer Verantwortlichkeit und demokratischer Gesinnung zu erziehen. Dennoch bedarf dieser Artikel 12 der Landesverfassung einer stetigen, zeitgemäßen Interpretation, wenn man ihn zur Maxime für die Gestaltung eines gelebten Bildungsauftrags machen will.

Was bedeutet „Liebe zu Volk und Heimat“ in einer Welt, in der Tausende Menschen tagtäglich ihre Heimat verlassen müssen, um irgendwo anders auf der einen Welt eine neue Heimat zu finden?

Was bedeutet es ganz konkret für uns am Wentzinger-Gymnasium, wo wir mit vielen jungen Menschen aus verschiedenen Kulturen mit unterschiedlichen Heimatgefühlen unsere gemeinsame Zukunft gestalten wollen.

Um es ganz deutlich zu sagen: „Liebe zu Volk und Heimat“ hat nichts mit einem dumpfen „Deutschland – Deutschland“ während der WM zu tun. Und auch die vielen schwarzrotgoldenen Wimpel an allen Ecken und Enden sind eher geeignet, ein kollektives Missverständnis zu produzieren. Natürlich freuen wir uns, wenn unsere Elf ein Tor schießt oder gar Weltmeister wird. Das ist legitim. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass gerade in unserer National-Mannschaft viele Heimaten beheimatet sind.

Wenn wir uns deshalb vergegenwärtigen, dass es im Leitbild des Wentzinger-Gymnasiums heißt: „ Junge Menschen anderer Kulturen sind eine Bereicherung für unsere Schulgemeinschaft.“, dann wird deutlich, wie wichtig es ist, neben all dem Alltagsgeschäft das Grundsätzliche nicht aus den Augen zu verlieren.

Das Wentzinger-Gymnasium ist und bleibt eine Schule, bei der Jugendliche aller Kulturen und Regionen dieser Welt willkommen sind. Das ist unsere zeitgemäße Interpretation von „Liebe zu Volk und Heimat“ und ich freue mich, dass wir als Schulgemeinschaft diese Auffassung teilen.

Auch das Verfassungsgebot, die Jugend in „Ehrfurcht vor Gott“ zu erziehen, fordert dazu heraus, nachzudenken.

Was kann es für uns Lehrer bedeuten, wenn als oberstes, umfassendstes Prinzip unserer pädagogischen Arbeit die Erziehung zur Ehrfurcht vor Gott uns aufgegeben ist? Das gilt generell, nicht nur für den Religionsunterricht.

Was kann dies bedeuten angesichts der Tatsache, dass Menschen sehr verschiedener Kulturen und religiöser Traditionen mit „Gott“ je verschiedene Vorstellungen verbinden.

Wenn wir an den 11. September 2001 denken, kann dies für mich nur bedeuten, dass keine Ehrfurcht vor welchem Gott auch immer es rechtfertigen kann, die Welt durch Mord und Terror in Angst und Schrecken zu versetzen.

Genau so wenig kann aber auch kein anderer Gott dafür herhalten, als Vergeltung Kriege gegen die vermeintliche „Welt des Bösen“ anzuzetteln.

Eine zeitgemäße Interpretation dieses Verfassungsauftrages kann nur heißen, im „Du“ und der Schöpfung jenes Prinzip zu erkennen, das uns „Ehrfurcht“ abverlangt.

„Ehrfurcht“ verstanden als der uneingeschränkte Respekt vor der Würde des Anderen und Respekt vor der Natur in all ihrer Vielfalt und Schönheit.

Auch wenn die Mephisto-Aufführung mit der Feststellung endet, dass Gott längst tot ist, liegt in der Kreativität der Auseinandersetzung und der dabei erfahrbar gewordenen Sinnverständigung jenes Prinzip, das hier gemeint ist.

Und genau hier hat Pädagogik ihren Auftrag.

Zu diesem Auftrag von Schule gab es und gibt es - besonders nach „nine-eleven“ – keine Alternative und zwar überall auf der Welt. Bildung ist die „Waffe“ gegen Krieg, Terror und Gewalt. Bildung ist die einzige Waffe, die nicht verletzt, und gerade deshalb ist sie besonders wirkungsvoll.

Das gemeinsame Stück Weg, das wir als Lehrer mit Euch gegangen sind, war aus meiner Sicht genau dieser Weg in die richtige Richtung. Ich glaube, es ist uns gelungen, jene Form von Toleranz, Weltoffenheit und Kreativität am Wentzinger-Gymnasium zur Entfaltung kommen zu lassen, die uns davor schützt, Gewalt mit Gewalt beantworten zu wollen.

Euer Abi-Motto wirft für mich allerdings eine ganz andere Frage auf.

„Abi-Vegas“ soll hoffentlich nicht heißen, dass Ihr der Zocker-Mentalität damit die Ehre erweisen wollt. Das kann ich mir in der Tat nicht vorstellen.

Gut: „Ein Spielchen in Ehren kann niemand verwehren“; ein bisschen Spaß muss sein. Auch ich spiele in meiner Freizeit gerne eine Runde Karten. Wenn Euer Motto so harmlos gemeint ist: ok! – auch wenn mir das für einen Abi-Jahrgang ein weinig zu harmlos erscheint.

Wenn Ihr mit diesem Motto die globale Spielhölle der weltweiten Finanzmärkte ironisch oder satirisch aufs Korn nehmen wollt: Einverstanden!

An diesem Thema kommt man nicht vorbei, wenn man sich aktuell Gedanken über seine eigene oder die gesellschaftliche Zukunft macht.

In einer Abitur-Prüfung ging es um die Verantwortung der Presse. Wir alle wissen inzwischen, welche Macht die Medien haben. Wie überall gibt es diejenigen, die sehr verantwortungsbewusst mit ihrem Auftrag umgehen und damit einen unverzichtbaren, wertvollen Beitrag für die Information der Bürger und die öffentliche Diskussion leisten. Es gibt aber auch diejenigen, die durch Sensations-Geilheit und die Verbreitung von Halbwahrheiten Stimmung machen und die öffentliche Meinung manipulieren. Wir alle wissen, dass die Medien damit zur vierten Macht im Staat geworden sind, allerdings ohne demokratische Legitimation. Wir alle wissen aber auch, dass das hohe Rechtsgut der Presse- und Meinungsfreiheit trotz des Missbrauchs-Risikos unverzichtbar ist.

Anders in der Finanzwelt. Geld leihen und verleihen, ist nichts Ehrenrühriges. Hier haben die Banken eine unser Wirtschaftssystem tragende Rolle. Solange die Banken ihrem eigentlichen Geschäft ordentlich nachkommen, wäre die Finanzwelt auch in Ordnung.

Völlig unbemerkt von Politik und Öffentlichkeit hat sich jedoch etwas verselbstständigt, das viel gefährlicher ist als die manchmal gefürchtete vierte Macht im Staate. Denn diese Macht entzieht sich dem staatlichen Einfluss nahezu vollständig, weil sie nicht nur überstaatlich – ich würde sagen: „außerstaatlich“ – agiert.

Wenn jemand sein redlich erarbeitetes Geld riskant investiert und dabei Verluste hinnehmen muss, mag das im Einzelfall sehr tragisch und bedauerlich sein.

Das Problem im weltweiten Finanz-Casino liegt jedoch darin, dass hier Geld aufs Spiel gesetzt wird, das es gar nicht gibt. Hier kann jemand etwas verkaufen, das er gar nicht besitzt. Ebenso kann jemand etwas kaufen mit Geld, das er gar nicht hat. Denn die „Global Player“ haben unter sich ausgemacht, das man nur einen verschwindenden Bruchteil dessen, was man einsetzt, wirklich als realen Gegenwert besitzen muss, um am weltweiten Pokertisch mit dabei zu sein.

Nun wäre es nicht weiter tragisch, wenn alles nur ein Spiel wäre. Tragisch ist hingegen, dass der Croupier am internationalen Spieltisch zwischen sauer verdientem Geld und frei erfundenen Milliarden nicht unterscheiden kann. Zum guten Schluss muss die Zeche mit dem Geld bezahlt werden, das reellen Wert besitzt – und das ist der Tauschwert für die menschliche Arbeitskraft. Anders ausgedrückt: Wir alle, die wir uns tagtäglich abmühen, um durch unsere Arbeit Mehrwert zu schaffen, müssen für die Spielschulden kollektiv haften.

Ich hoffe, Ihr wolltet mit „Abi-Vegas“ darauf aufmerksam machen, dass andere dabei sind, Eure Zukunft aufs Spiel zu setzten, während sie für Euch gerade beginnt.

Alljährlich wird von einer vielköpfigen, renommierten Jury das Unwort des Jahres gekürt. Sie erinnern sich sicher. 2008 waren es die „notleidenden Banken“; 2009 hieß das Unwort des Jahres „betriebsratsverseucht“. Auch wenn das Jahr 2010 gerade erst seiner Mitte entgegen geht, habe ich mich schon entschieden. Mein Unwort des Jahres 2010 heißt „alternativlos“.

Rettungsschirm für Banken – alternativlos!

Hunderte Milliarden zur Stützung des Euro – alternativlos!

Kürzung der Sozialausgaben – alternativlos!

Verteidigung der Freiheit am Hindukusch – alternativlos!

Unglaublich, wie oft dieses Wort in den letzten Monaten benutzt wurde, um zu verschleiern, dass die Politik das Heft des Handelns entweder längst schon aus der Hand gegeben hat oder lieber gar nicht erst in die Verlegenheit kommen möchte, für eigene Entscheidungen auch eigene Verantwortung zu übernehmen.

Ich würde sagen: Die vermeintliche Alternativlosigkeit ließe sich besser charakterisieren als „Fantasielosigkeit“.

Dem könnt Ihr etwas entgegen halten. Ihr seid jung; es ist Euer Recht, das scheinbar Unmögliche zu wollen. Bringt Euch ein in diesen Prozess! Seid Ihr bereit, Verantwortung zu übernehmen – dazu gibt es in der Tat keine Alternative!

Ich wünsche Euch, dass Euer weiteres Leben viele neue Möglichkeiten für Euch bereithält. Sich entscheiden zu müssen, ist zwar nicht immer einfach. „Alternativlos“ vorgegebene Wege ablaufen zu müssen ist, ist eigentlich kein Leben. Denn „Lebendigkeit“ heißt Vielfalt, heißt Bewegung, heißt Fantasien zu haben und Träume verwirklichen zu können.

Wenn Ihr mit dieser Zuversicht in den morgigen Tag geht, dann bin ich sicher:

You all will survive!

Freiburg, am 29. Juni 2010 Wolfgang Gillen


Gillen