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Abitur 2012 - Rede des Schulleiters Wolfgang Gillen

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Abitur 2012 - Rede des Schulleiters Wolfgang Gillen

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr verehrte Gäste!

Uns alle vereint heute ein ganz besonderer Anlass, ein besonders schöner Anlass: Es ist geschafft! Das mit Angst und Spannung erwartete „Abi Zwanzig-zwölf“, es ist vollbracht.

Dass dies kein gewöhnliches Abitur ist, sehen wir schon an der ungewöhnlichen Örtlichkeit, in der ich Sie alle ganz herzlich begrüße. Mit – geschätzten – fast 700 Gästen wird diese Abi-Feier sicherlich in die Annalen des Wentzinger-Gymnasiums eingehen. Aber nicht nur die große Anzahl der Abiturienten des sog. „Doppel-Jahrgangs“ macht das Abi 12 zu einer Besonderheit, dieses Abitur ist in vielerlei Hinsicht einzigartig.

Deshalb beglückwünsche ich uns alle zu diesem außergewöhnlichen Abschluss.

Der erste und größte Glückwunsch gilt natürlich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten. Sie haben Ihr Ziel erreicht. Ob nach 8, 9 oder für manchen gar nach 10 oder 11 Jahren – Sie haben es geschafft! Es waren viele Hürden zu nehmen – innerlich wie äußerlich. Sie alle, die Sie jetzt hier mit uns feiern, haben auch die letzte genommen ... und das ist einen Applaus wert.

180 Abiturienten: das ist schon eine Spitzenleistung. Und „spitze“ waren auch Ihre Leistungen. Madleina Spatz und Sarah Guy mit 1,0 haben gezeigt, was möglich ist. Aber es gab auch „Punktlandungen“: exakt 100 Punkte im Abi-Block ist in gewissem Sinne auch eine Kunst.

Wir feiern nicht nur das Abitur. Wir gratulieren einigen von Ihnen auch zum bestandenen Baccalaureát. Zum dritten Mal führt das Wentzinger-Gymnasium einen bilingualen Zug erfolgreich zum Abschluss. Zehn von Ihnen haben mit dem Abi auch das Bac erreicht. Das hat viel zusätzliche Kraft und Mühe gekostet. Aber ich bin sicher, die Anstrengung hat sich gelohnt. Sie gehören zu den wenigen, die diese Doppel-Qualifikation erhalten und damit stehen Ihnen sicher nun einige Türen mehr offen.

Seit Einführung des 8-jährigen Gymnasiums war das Abitur 2012 im Brennpunkt vieler Diskussionen. Wird die Zusammenführung der beiden Bildungsgänge in einer gemeinsamen Oberstufe gelingen? Werden die Abitur-Anforderungen den Veränderungen angemessen Rechnung tragen? Werden die personellen und räumlichen Ressourcen ausreichend sein? ... Bis hin zu der Frage: Wie wird es anschließend weitergehen? Werden die Hochschulen und der Lehrstellenmarkt diese Abiturientenzahlen verkraften können?

Fragen über Fragen, die Schüler, Eltern, Lehrer und viele Verantwortliche in Stadt und Land gleichermaßen beschäftigten.

Die ersten Fragen sind nun beantwortet. Sie, die Abiturienten 2012, sind der lebendige Beweis. Auf die letzte Frage werden Sie nun eigenständig die Antwort finden müssen, und ich hoffe, jeder wird für sich eine gute, eine richtige Antwort finden.

Aber: Hat sich dieser ganze Aufwand wirklich gelohnt? Kann das „G-8-Experiment“ als gelungen angesehen werden?

Es mutet geradezu grotesk an, dass in der gleichen Woche, in der wir den ersten G-8-Jahrgang entlassen, in der Gesamtlehrer-Konferenz über die Wieder-Einführung eines 9-jährigen Gymnasiums beraten wird.

Wie Sie es in Ihrem Abi-Motto treffend zum Ausdruck bringen: Ein pädagogisches Experiment produziert zwangsläufig auch „Versuchskaninchen“.

Ich habe es einmal nachgerechnet: In meinen 40 Dienstjahren habe ich immerhin 8 Kultusminister erlebt, um nicht zu sagen: „überlebt“. Jeder hat an irgendwelchen Rädchen gedreht, und jedes Mal mussten Schule und Schüler die Konsequenzen tragen. Der Bildungssektor weckt immer schon die besonderen Begehrlichkeiten der Politiker. Denn wer die Jugend hat, hat die Zukunft in seiner Hand. Darauf komme ich noch einmal zurück.

Bleiben wir bei den Versuchkaninchen und den alten Hasen.

Ungeachtet der Frage, ob die Jahrhundertreform G 8 Sinn macht oder nicht: Ich denke, wir hier in dieser Halle haben für uns das Beste daraus gemacht.

Dafür danke ich allen!

Ich danke den Schülerinnen und Schülern, die die vielfältigen Belastungen und Erschwernisse gemeistert haben.

Da schließe ich alle – G8 wie G9 – mit ein; denn die Zusammenführung in der gemeinsamen Oberstufe war für alle eine Herausforderung.

In diesem Zusammenhang danke ich besonders auch den Schülervertretern und Schülersprechern unter Ihnen, die in den letzten Jahren viel Erfreuliches auf den Weg gebracht haben.

Ich danke den Eltern für dafür, dass Sie gerade im Hinblick auf die vielen Verunsicherungen dem Wentzinger-Gymnasium und damit uns Lehrern Ihr Vertrauen geschenkt haben. „Danke“ für die sehr konstruktive Zusammenarbeit im Elternbeirat und in vielen anderen Gesprächsrunden.

Und ich nehme mir die Freiheit, Ihnen an dieser Stelle ganz besonders im Namen Ihrer Kinder zu danken – zu danken für die großartige Unterstützung während der vielen Jahre, in denen die Schule in mannigfacher Weise in das Familienleben hineingefunkt hat... bis hin zu tatkräftiger Hilfe bei der Organisation des Abi-Balles.

Für das Kollegium war die Umstellung auf den 8-jährigen Bildungsgang ein enormer Kraftakt, der viel Arbeitszeit und große Anstrengungen erfordert hat.

Stundentafeln mussten entwickelt, schuleigene Lehrpläne für alle Fächer neu erstellt werden. Neue Schulbücher mussten getestet und eingeführt werden. Jede Schule musste quasi für sich „das Rad neu erfinden“.

Der häufige Nachmittagsunterricht erzeugte weitere Probleme: Mittagessen musste her, zunächst im Hüttinger-Haus, dann in der neuen Mensa mit „Bio for kids“ und Qualitätszirkeln. Hausaufgaben-Betreuung wurde organisiert, die Zusammenarbeit mit der Ökostation intensiviert bis hin zur Einrichtung eines umfangreichen Ganztages-Angebotes für beide Wentzinger Schulen.

Dies alles wäre unter normalen Bedingungen schon mehr als genug. Wäre da nicht noch zu diesen vielen pädagogischen Baustellen die echte hinzu gekommen.

So danke ich meinem Kollegium besonders herzlich für all diese Leistungen, die Sie in den letzten Jahren zusätzlich erbracht haben. Und ich danke vor allen Dingen dafür, dass Sie bei all diesen widrigen Umständen guten Mutes geblieben sind und die wichtigste Eigenschaft eines Pädagogen: den notwendigen Humor nicht verloren haben. Auch wenn das Rad, das wir neu erfinden mussten, nicht immer ganz rund lief, war es Ihr großes Engagement für unsere Schüler, dass dies alles so erfolgreich bewältigt werden konnte.

Lassen Sie mich einige Kolleginnen und Kollegen besonders erwähnen.

Ich sprach eben von der Befürchtung von uns Schulleitern, ob die Personal-Ressourcen für den Doppeljahrgang überhaupt reichen würden.

Am Wentzinger haben sie gereicht. Dies u. a. deshalb, weil ein paar „Oldstars“ bereit waren, trotz Pensionierung ihr pädagogisches Werk zu vollenden. Danke an Frau Hoffmann, Herrn Opitz und Herrn Schulte.

Ein ganz besonderes „Dankeschön“ gilt den Oberstufenberatern. Mit großer Einsatzfreude und Umsicht standen sie uns allen während der letzten 2 Jahre zur Seite. Sie haben die Schülerinnen und Schüler der Kursstufe nicht nur sicher durch den Dschungel der gesetzlichen Bestimmungen geführt; sie hatten auch stets ein offenes Ohr für die persönlichen Belange und waren in diesem Sinne Ihre Anwälte.

Danke, Herr Buhl und Herr Hutterer!

Ich sagte es schon: All dies musste unter den erschwerten Bedingungen einer realen Baustelle geplant und organisiert werden. Eine logistische Meisterleistung! Dafür danke ich den Stundenplanern: Frau Tritschler und Frau Hoffmann bzw. in der Nachfolge Herrn Rudolph.

Auch ich als Schulleiter konnte all’ das nur stemmen, weil ich ein hervorragendes Mitarbeiter-Team habe. Allen voran, aber auch stellvertretend möchte ich Dir, lieber Georg Weiser, dafür meinen persönlichen wie unser aller Dank sagen.

Bleibt noch, jemanden zu erwähnen, der immer für alle und für alles da ist. Ich denke, Sie ahnen schon, wen ich meine. Schüler, Eltern, Lehrer und wer sonst noch ein Anliegen haben mag: Frau Grösser kann helfen und sie hilft gerne. So auch heute Abend wieder. Sie sorgt dafür, dass diese Feier ihren angemessenen Ausklang findet.

Wie Sie wissen, verbindet mich mit dem Abi-Jahrgang 2012 nicht nur, dass ich von der ersten Stunde an mit von der Partie war und einen Teil von Ihnen selbst unterrichtet habe. Es ist noch etwas anderes, das wir gemeinsam haben. Auch für mich ist das Ende meiner Schulzeit gekommen, auch ich werde zum Ende dieses Schuljahres unser Wentzinger verlassen. Zugegeben, ich war insgesamt etwas länger in der Schule als Sie und auch am Wentzinger-Gymnasium. Gemeinsam ist jedoch, dass für Sie und für mich ein neuer Lebensabschnitt beginnt und wir hoffentlich das Beste daraus machen. Bei Ihnen bin ich mir da ziemlich sicher!

Aus diesem Grund ist Ihr Abitur auch für mich etwas Besonderes. So wie Sie vielleicht in den letzten Tagen Ihre Zeit am Wentzinger Revue passieren ließen, ist dieser Tag auch für mich Anlass zu einer Replik, einer Rückschau auf meine Jahre am Wentzinger und damit auf die Zeit, die ich hier mitgestalten konnte.

Diese, meine letzte Abiturrede ist deshalb auch etwas persönlicher gehalten.

Sie sind der 13. Abitur-Jahrgang, den ich verabschiede. Zwölfmal stand ich also schon an ähnlicher Stelle und habe das Wort an die erfolgreichen Abgänger gerichtet.

Die Vorbereitungen auf diese Feier waren für mich ein Motiv, meine alten Abi-Reden noch einmal zu lesen. Ich habe dabei einen roten Faden gefunden, den roten Faden, der mein Denken seit meiner Studienzeit durchzieht.

Zum Einen war und ist die Verabschiedung eines Abitur-Jahrganges für mich persönlich immer ein Moment des Innehaltens, des Nachdenkens und des Hinterfragens. Hinterfragt habe ich das System „Schule“ ebenso wie meine eigene Arbeit und damit implizit all das, was wir als Pädagogen den jungen Menschen im Laufe der Schulzeit so alles zumuten.

Zum Anderen hat Bildung und Erziehung immer auch eine politische Dimension. Deshalb war es für mich selbstverständlich, die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in die wir unsere Abiturienten entlassen, mit in den Blick zu nehmen.

In den Abiturreden spiegelt sich deshalb Vieles wider, was sich politisch während meiner Zeit als Schulleiter des Wentzinger-Gymnasiums ereignet hat. Den einen oder anderen Gedanken werde ich wegen seiner Aktualität jetzt noch einmal aufgreifen.

Vor zehn Jahren war der Euro gerade eingeführt, ein Thema von großer Bedeutung, ein Thema, das die Menschen bewegte.

Wichtig erscheint mir, dass mit dem Euro ein Symbol geschaffen wurde, das wie vielleicht kaum ein anderes Mittel dazu geeignet ist, Trennendes überwinden zu helfen“ ... und welches verhindert, „dass in Europa jene Feindseligkeiten wieder Platz greifen können, die die Geschichte der europäischen Völker bis in die jüngste Vergangenheit bestimmt haben“, hatte ich in meiner Abi-Rede 2002 gesagt.

Heute, 10 Jahre später, ist der Euro wieder Thema Nummer 1, und eine Abiturrede kann an der aktuellen Euro-Krise nicht einfach so vorbei gehen. Denn diese Krise wird unser Leben in naher Zukunft weiterhin entscheidend beeinflussen – also auch für Ihren Werdegang von entscheidender Bedeutung sein.

So berechtigt meine damalige Hoffnung war und bleibt: Im Moment sieht es eher danach aus, dass der Euro – wenn nicht gleich ganz Europa, so doch viele Gemüter spaltet.

Wie konnte es dazu kommen?

Man sagt, da gebe es Länder, die einfach zu viele Schulden gemacht haben. Die haben Schuld an der ganzen Misere, das sind die Schuldigen. Man lasse sich diese Formulierung einmal auf der Zunge zergehen, das klingt ziemlich nach Verlust der Unschuld, nach Erbsünde. Wenn jemand Schuld auf sich geladen hat, dann hat er gefälligst auch dafür zu sorgen, dass die Sache wieder in Ordnung kommt. Egal wie,... man kann ja z. B. Haus und Hof oder wie bei den Ärmsten der Armen üblich: seine Kinder verkaufen...

Was man allzu gerne übersieht ist, dass die Sache ganz anders angefangen hat. Da gab es tüchtige Geschäftsleute und Bankiers, die haben denjenigen, die ihre teuren Waren nicht kaufen konnten, Kredite angeboten. „Kredit“ – das hört sich schon ganz anders als „Schulden“ an; denn „Kredit“ das hat etwas mit „Glauben“ zu tun. Man glaubt an jemanden und vertraut ihm. Und nebenbei ist dieses geschenkte Vertrauen auch noch ein paar muntere Zinsen wert. So ließen sich die teuren Produkte an den Mann bringen. Nur so konnten Aldi, Lidl, Norma, Billa und wie sie alle heißen, in fast jedem griechischen Dorf Fuß fassen und den heimischen Markt und die ansässigen Produzenten durch EU-Importware verdrängen.

Das geht so lange gut, bis den Gläubigern Zweifel kommen, Zweifel an der Bonität, der Guthaftigkeit derer, denen sie seinerzeit ihren Glauben geschenkt haben. Dann wollen sie einfach etwas mehr Geld. Das festigt den Glauben wieder ein wenig und hilft, die Zweifel für eine Weile zu zerstreuen.

Wie das geht? Eigentlich ganz einfach. Diejenigen, die den Kredit vergeben, bestimmen auch den Preis, der für die Kreditwürdigkeit zu zahlen ist. Sie sind damit quasi ihr eigener Papst. Sie können Heiligsprechen oder verdammen, indem sie ex cathedra verkünden, wer „Tripel A“ erhält oder wessen Glaubwürdigkeit auf Null gesetzt wird. Wird der richtige Papst wenigstens noch von den Kurien-Kardinälen gewählt, haben diese selbst ernannten Päpste nicht die geringste demokratische Legitimation und sind dennoch in der Lage, die älteste europäische Demokratie beinahe aus den Fugen zu heben.


Hast du viel, wirst du bald noch viel mehr dazu bekommen.
Hast du wenig, wirst dir bald auch das wenige genommen.
Hast du aber nichts, du Lump – so lass’ dich gleich begraben;
denn ein Recht zu leben haben nur die, die etwas haben“

Dieser Vers von Heinrich Heine passt trefflich, bringt er doch das Prinzip der kapitalistischen Weltordnung in wenigen Worten auf den Punkt. Heinrich Heine, der beinahe der Namensgeber unseres Gymnasiums geworden wäre.

Nein, es sind nicht die bösen Menschen, die Schulden gemacht haben, es ist auch nicht der Euro schlechthin für all das verantwortlich. Es ist das System, das verbrannte Erde hinterlässt, wenn die Renditen nicht mehr stimmen. Es sind die Milliarden, die nahezu mit Lichtgeschwindigkeit in Sekundenschnelle steuerfrei über den Globus wandern und sich dabei auch noch vermehren. Zahlen mit sehr vielen Nullen, für die es in der Realität keinen Gegenwert gibt. Geld, das von denjenigen frei erfunden wird, die das Sagen in Sachen „Geld“ haben. Kein anderes System hat die Macht, sich alle Spielregeln selbst geben zu können. Und sollte eine Regierung es wagen, dieses Tabu antasten zu wollen, das Schreckgespenst einer dadurch ausgelösten „Verunsicherung der Märkte“ – wie es so treffend heißt – wird sie schnell zur Raison bringen. Anschließend präsentieren die Gleichen, die dieses absurde System erfunden haben und munter weiter betreiben, uns allen die Rechnung. Das erfundene Geld muss nun schnell gedruckt werden, sonst bricht alles zusammen. Das nennt man dann „Rettungsschirm“, den wir durch den Verlust der Kaufkraft unseres sauer verdienten Geldes bezahlen werden.

Bei den Demonstrationen von Attac, die vor wenigen Wochen in Frankfurt gegen diesen Wahnwitz stattfanden, wurden einige der Demonstranten in Polizei-Gewahrsam genommen. Als Grund für die Festnahme stand im Polizeibericht: „Kapitalismuskritik“.

Da haben wir es. Nachdem der Wettlauf der Systeme sein abruptes Ende gefunden hat, gibt es nur noch ein globales Glaubenbekenntnis: der Kapitalismus. Ihn zu kritisieren, kommt einer Gotteslästerung gleich.

Dabei sollten wir alle eigentlich gelernt haben: Wenn ein Wort auf „-ismus“ endet, ist größte Vorsicht geboten. Das gilt für Anarchismus genau so wie für Islamismus und eben auch für Kapitalismus. „Ismen“ treten immer mit Absolutheitsanspruch auf, dulden deshalb keine Kritik.

Sapere aude“ – habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Diesen Wahlspruch der deutschen Aufklärung hatte ich zum Abitur 2003 als Motto meiner Rede gewählt. Wie ich aktuell sehe, stehe ich damit nicht alleine. Kein anderer als Heiner Geißler hat „Sapere aude“ zum Titel seines letzten Buches gemacht und will uns damit alle wach rütteln, die krankhaften Auswüchse des kapitalistischen Systems endlich zu erkennen und den Mut zu haben, diesem grenzenlosen Treiben etwas entgegen zu setzen.

Und damit bin ich bei dem zweiten Knotenpunkt in dem roten Faden, der sich in meinen Abiturreden wie in meinem beruflichen Selbstverständnis immer wiederfindet.

Kürzlich hatte ich den Vorsitz in einer pädagogischen Staatsprüfung. Während des Prüfungsgespräches sagte der junge, sehr ambitioniert wirkende Gymnasiallehrer in spe, es sei schließlich die Aufgabe der Pädagogen, dafür zu sorgen, dass die jungen Menschen gut funktionierende Teile unserer Gesellschaft werden. Eine Äußerung, die mich – offen gesagt – erschreckt hat.

Bildung und Erziehung als reine Anpassung an die herrschenden Verhältnisse?

Zweifellos ist es die Aufgabe von uns Lehrern, unseren Schülern das nötige Rüstzeug mitzugeben, um in Beruf und Gesellschaft bestehen zu können. Dazu vermitteln wir Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, von denen wir annehmen, dass sie zur Bewältigung zukünftiger Aufgaben nützlich und wichtig sind.

Aber: Kann und soll Schule sich darauf beschränken, junge Menschen zu gut funktionierenden Teilen der Gesellschaft zu machen. Und wenn ja: Welcher Gesellschaft?

Wenn ich zurück denke, wie sich die Gesellschaft allein schon in den letzten 13 Jahren, seit denen ich Schulleiter am Wentzinger-Gymnasium bin, verändert hat, zerfließen sämtliche Maßstäbe.

Sie ahnen sicher meine Antwort. Aber es ist nicht nur meine Antwort; es ist auch die Antwort des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau:

Die Anforderungen des Arbeitsmarktes sind heute anders als vor 30 Jahren und oft auch höher. Dennoch: wir dürfen Bildung nicht darauf beschränken, junge Menschen auf den Beruf und den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Wer ausschließlich vom Bedarf her denkt, hat schon verfehlt, was mit Bildung eigentlich gemeint ist.

Ziel der Bildung ist nicht zuerst die Befähigung zum Geldverdienen. Bildung schielt und zielt nicht auf Reichtum. Aber sie ist ein guter Schutz vor Armut, vielleicht sogar der Wirksamste.

Bildung ist auch etwas anderes als Wissen. Wissen lässt sich büffeln, aber Begreifen braucht Zeit und Erfahrung.

Ich beobachte eine Ungeduld, die schnell nach den Früchten der Bildung fragt, ohne zu bedenken, dass eine gute Frucht auch eine gute Blüte und eine Zeit der Reife braucht.

Selbstständig und frei denken zu lernen: darum geht es nach wie vor.

Denken und Verstehen: Das hat zu tun mit dem ganzen Menschen, mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand.

Denken und Verstehen: Das hat zu tun mit analytischen Fähigkeiten und Phantasie, mit Einfühlungsvermögen und mit der Fähigkeit, sich neue Welten zu erschließen“, soweit Johannes Rau.

An dieser Stelle lässt sich das „Sapere aude“ nahtlos anschließen. Denn die Vermittlung „der Fähigkeit, sich neue Welten zu erschließen“, schließt auch den Mut ein, Bestehendes kritisch zu hinterfragen und neue, eigene Wege zu gehen – Wege, die eingefahrene Gleise verlassen. Jede Jugend hat das Recht, eigene Zukunftsentwürfe zu machen, Gewohnheitsrechte zu brechen und sich von den Fesseln verkrusteter Strukturen zu befreien.

Davor haben Politiker in der Regel Angst. Deshalb drehen sie so gerne an den Stellschrauben des Bildungssystems... um Schule noch effizienter zu machen, um junge Menschen noch schneller einzupassen, sie noch schneller nützlich werden zu lassen.

Wer Pädagogik in ihrem Anspruch als Begleitung junger Menschen zur eigenen Persönlichkeitsentfaltung ernst nimmt, muss lernen mit dem Risiko zu leben, schließlich auch selbst in Frage gestellt zu werden.

Dies ist mein pädagogisches Credo, und ich hoffe, es wird meine Zeit am Wentzinger überdauern.

Lassen Sie mich schließen, mit einem sehr persönlichen Erleben. Ich habe 1968 mein Abitur gemacht in einer Zeit des Aufbruchs, des Aufbruchs vor allem der Jugend. Ich habe eben schon Heinrich Heine zitiert. Aber es gab noch einen anderen Dichter mit den gleichen Initialen, der mich damals wie heute in seinen Bann zieht.

Ein Dichter, dessen 50. Todestag in dieses Jahr fällt.

Ein Dichter, der hier bei uns beheimatet war. Ein Dichter, der den Begriff Heimat jedoch ganz anders interpretierte.

Ein Dichter, der damit zu unserer Schule passt. ... zu einer Schule, in der viele junge Menschen aus vielen Teilen der Welt hoffentlich ein Stück Heimat gefunden haben und eine Schule, aus der nun viele junge Menschen aufbrechen, um woanders Heimat zu finden.


Stufen von Hermann Hesse

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!



Freiburg, am 19. Juni 2012 Wolfgang Gillen