Zeitzeugengespräch mit Hartwig Kluge

Zeitzeugengespräch mit Hartwig Kluge

BildNicht alle fühlten sich wie im Gefängnis - aber viele. Die Zeit der DDR und damit die des geteilten Deutschlands liegt nur wenige Jahrzehnte zurück; und trotzdem scheint doch vieles, was heute über diesen Teil unserer Nationalgeschichte gelehrt wird, sehr abstrakt. Wir kennen nur Demokratie und das, was zu ihr gehört. Der gescheiterte Republikflüchtling Hartwig Kluge berichtete uns jedoch von einer Zeit, in der dies alles andere als selbstverständlich war.

Als gebürtiger DDR-Bürger wuchs Kluge zunächst in Halle, anschließend in Mücheln in seiner Familie auf. Schon früh zeigte sich seine kritische Einstellung gegenüber dem sozialistischen Regime; Schauen des Westfernsehens, Singen des Deutschlandliedes, die Abholung seines jüngeren Bruders während einer Pflichtveranstaltung. Unwissentlich häuften sich die Einträge seiner Stasi-Akten, die er direkt nach dem Mauerfall zum ersten Mal einsehen konnte.

Darin fand er auch den Grund für seine Ablehnung zum ersehnten Sport- und Deutsch-Studium auf Lehramt. Sein Schulrektor hatte der zuständigen Kommission mitgeteilt, dass Kluge in einem DDR-kritischen Elternhaus aufgewachsen sei und er somit nicht als würdig galt, ein Studium unter DDR-Verhältnissen zu absolvieren. Auch heute noch scheint der immer schon sportbegeisterte Deutsche darüber erschüttert.

Stattdessen wandte er sich an eine kirchliche Hochschule, wo er als Student 1968 an einer Flugblattaktion gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in Prag teilnahm. Bereits ein Jahr später startete er an Silvester seinen Fluchtversuch über die ungarisch-jugoslawische Grenze. Dabei waren ihm im Urlaub gewonnene ungarische Freunde behilflich, mit denen er verschlüsselt über Postkarten kommunizierte.

Bild2Als er in jener Nacht bereits sein Ziel, ein kleines Grenzdorf, vor sich sah, geriet er unglücklicherweise in die Arme eines ungarischen Soldaten; da wusste er: „Jetzt hab‘ ich verloren.“ Da der Soldat jedoch mindestens genauso überrascht über die Begegnung war, hatte Kluge Zeit, heimlich mitgebrachtes Geld und seinen Feldstecher wegzuwerfen - und so eine härtere Bestrafung zu umgehen. Verhaftet und in ein ungarisches Stasi-Gefängnis gebracht wurde er natürlich trotzdem. „Die eigene Persönlichkeit wurde einem weggenommen […], einen ganzen Monat war ich nur 425.“, erzählte er. Danach folgten weitere vier Monate in Untersuchungshaft in Halle im „Roten Ochsen“, wo man ihn sogar als IM für die Stasi zu gewinnen versuchte. Diese Zeit war für ihn psychisch sehr belastend, so sagt er, was nicht nur an Schlafentzug, Isolation und stundenlangen Verhören lag, sondern auch daran, dass er keinen Kontakt zu seiner Familie haben durfte, die nicht einmal von seinem Fluchtversuch wusste.

Erst während des Absitzens seiner anderthalbjährigen Haftstrafe wurden seine Eltern in Kenntnis gesetzt, durften ihn sogar von Zeit zu Zeit besuchen. Selbst wenn die Zeit in Haft für Kluge traumatisierend war, erinnert er sich auch noch gerne an seine Mitinsassen zurück, mit denen er teilweise über Morsezeichen kommunizierte und Brotkrümel-Schach spielte. Über den baldigen Freikauf durch die BRD im Jahr 1969 freute er sich selbstverständlich trotzdem nicht minder. Man zahlte für ihn ca. 35 000 DM, wie er (immer noch etwas ungläubig scheinend) erklärte. An das erste Essen außerhalb des Gefängnisses in einer Raststätte erinnert er sich heute noch: „Auf einmal wurde man wieder Mensch.“

Schon bald zog er in die Sport-Stadt Freiburg, wo er zwar als „etwas anderer Zeitgenosse“ lebte, aber von seiner neuen Freiheit ungemein Gebrauch machte. Dazu gehörten tagelange Radtouren und Reisen in die verschiedensten Länder; auch alle Bücher zu lesen, die er lesen wollte. Das, was ihm in seiner Zeit in der DDR verwehrt worden war, schätzt er heute noch unglaublich an der Bundesrepublik, von der er seit 1969 Teil ist.

Als einer von vielen gefassten Republikflüchtigen berichtet Hartwig Kluge von seiner Zeit in der DDR, der menschenunwürdigen Haft und (mit erleichtertem Lächeln) von seiner Chance, in Freiheit ein neues Leben aufzubauen - eine Erinnerung daran, „was es bedeutet, in einer ziemlich stabilen Demokratie zu leben.“

Wir bedanken uns herzlich bei Ihnen für Ihre Offenheit, Ehrlichkeit und den Mut, mit uns über Ihre persönliche Geschichte zu sprechen.

Sofie Saier, K2

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