Erstes kleines Lebenswerk - BZ vom 24.11.2012 Wolk

Erstes kleines Lebenswerk - BZ vom 24.11.2012

Andreas Wolk, 18, erhält für Arbeit über Jakob Locher einen Landespreis für Heimatforschung .

Am Anfang hatte Andreas Wolk keinen blassen Schimmer, über was er schreiben sollte. Der jetzt 18-Jährige besuchte vor zwei Jahren die elfte Klasse des Wentzinger-Gymnasiums in Freiburg. Er suchte noch nach einem Thema für seine Seminararbeit, die irgendetwas mit "Humanismus am Oberrhein" zu tun haben sollte. Also begann er zu recherchieren. In der Uni-Bibliothek klapperte er Freiburgs Philosophen ab, am PC googelte er fleißig. Lange Zeit hatte er keinen Plan oder Ansatz. Bis er Jakob Locher entdeckte.
Jakob Locher war ein humanistischer Dramatiker und Philologe. Um 1500 lebte er viele Jahre in Freiburg. Er war Professor, schrieb Dramen, Lehrbücher und Gedichte. Seine wohl wichtigste und "bekannteste" Arbeit war jedoch die Übersetzung des "Narrenschiffs". Die berühmte Moralsatire von Sebastian Brant wurde zum erfolgreichsten Buch in Deutschland vor der Reformation. Brant hatte sein Werk allerdings auf Althochdeutsch verfasst, was kaum einer der europäischen Philosophen verstand. Also beauftragte Brant einen seiner Schüler, den Text ins Lateinische zu übersetzen.

Dieser Schüler hieß Jakob Locher. "Das Thema hat mich irgendwie sofort gepackt und fasziniert", sagt Wolk. Es gab nicht viel Material und Sekundärliteratur. "Wenige hatten zuvor darüber geschrieben. Ich musste mir beinahe alles selber erarbeiten." Das machte die Sache für ihn so interessant. Wolk saß ein halbes Jahr lang drei Stunden täglich vor Texten und Quellen. Er suchte, wälzte Bücher, las und übersetzte teilweise selbst aus dem Original in Latein, um Lochers Übersetzung zu analysieren. Sein Opa Bernhard war ihm dabei eine große Hilfe. "Er wohnt direkt unter uns, und wenn ich mal ein Wort nicht wusste oder Fragen hatte, konnte ich jederzeit zu ihm gehen."

Nach der Recherche, Material- und Gedankensammlung begann Wolk mit der Niederschrift seiner Arbeit. Er verdeutlichte die Unterschiede zwischen Original und Übersetzung; beschrieb die Auswirkungen des Werkes auf das Schaffen humanistischer Philosophen; und nahm Bezug auf die Freiburger Geschichte, die von Locher mitgeprägt wurde. Viel Zeit hat die Arbeit in Anspruch genommen. Aber es hat sich gelohnt. "Das ist sozusagen mein erstes kleines Lebenswerk", freut sich Andreas Wolk.

Dass er für die 40-seitige Arbeit 15 Punkte im mündlichen Abitur bekam, ist für ihn eine ebenso nette und feine Randnotiz wie der Landespreis für Heimatforschung, den er am Donnerstag erhalten hat. Sein Lehrer Martin Lehmann hatte ihm gesagt, er solle seine Arbeit doch einschicken. Gesagt, getan. Und schon wurde Wolks Seminararbeit mit dem Schülerpreis ausgezeichnet. "Das ist toll, dass man für seine Mühen auch noch mit einem Preis geehrt wird", sagt Wolk, der ab nächsten Sommer "Philosophy and Economics" studieren möchte. "Aber in erster Linie habe ich es für mich gemacht, aus purem Interesse. Und wer weiß: Vielleicht baue ich die Arbeit ja noch aus."

 

Bild: Christian Engel

 

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