Interview mit Lisa Mahr

Interview mit Lisa Mahr, eine der diesjährigen Pensionäre

Die Fragen stellte Alexander Neumann im Juli 2016

Seit wann arbeiten Sie als Lehrerin?

Seit 1982

Haben Sie dann direkt beim Wentzinger angefangen?

Nein, ich war erst bei Rottweil,  oben auf der Schwäbischen Alb. Dort arbeitete ich fünf Jahre, dann hatte ich eine Kinderpause und erst dann fing ich an, hier am Wentzinger zu arbeiten.

Sind Ihnen im Vergleich zum  Wentzinger Unterschiede aufgefallen?

Ja total, das war sozusagen, eine Dorfschule (sie lacht). Zudem war es ein Progymnasium, das man bis zur 10. Klasse besucht hat. Da hat man also nie Abitur gemacht. Das Wentzinger ist eine Stadtschule, die Schüler sind viel offener und die Eltern viel netter.

Waren die Kinder aus der Stadt nicht ein wenig „frecher“?

Was heißt frecher. Ich finde die Schüler am Wentzinger sind viel nachdenklicher, vielleicht ein wenig frecher, aber dafür auch origineller. Meine alte Schule war viel „stumpfer“. Das hat mich von Anfang an hier begeistert, damals noch unter Herrn Adler. Er hat angefangen die Schule für Migrantenkinder zu öffnen. Das gab es Afghanen, die geflohen waren. Weil wir ein Musikgymnasium sind, hat er  Schüler, die sehr gut waren, auch bei Kollegen untergebracht. Die afghanischen Schüler konnten dann hier das Abitur machen. Im Laufe der Jahre wurde die Schule immer mehr geöffnet und das gefällt mir, dass wir eine echte Schule der Vielfalt sind.

In meiner 7. Klasse haben wir momentan 13 Nationen. Ein alter Kollege hat mich vor einiger Zeit auf die Idee gebracht, dass wir uns in der Unterstufe jeden Tag, in einer anderen Sprache begrüßen. Die Vielfalt ist ein "Schatz", die wir hier an der Schule haben.

Wie kamen Sie zu dem Entschluss Lehrerin zu werden?

Also, ich wollte eigentlich keine Lehrerin werden, ich wollte Deutsch und Geschichte studieren und habe mich dann eher an der Universität oder am Journalismus orientiert. Ich hatte angefangen, beim Archäologischen Landesamt zu arbeiten. Das war zwar sehr spannend und toll, man hat allerdings schnell gemerkt, dass dort die Stellen sehr begrenzt sind. Dann bekam ich eine Stelle als Deutschlehrerin, als die vietnamesischen „Boatpeople“ kamen. Da habe ich gemerkt, dass das Unterrichten mir sehr viel Spaß macht und kurz darauf habe ich mich für das Referendariat beworben.

Was hat Ihnen hier am Wentzinger immer die größte Freude bereitet?

Das ist gemein, dass kann ich so nicht sagen. Ich finde einerseits die Schüler und den Umgang mit ihnen toll, aber andererseits auch das Kollegium. Ich finde wir haben ein super Kollegium und auch eine klasse Schulleitung.

Was hat Ihnen im Gegenzug, weniger Freude bereitet?

Die ganzen administrativen Vorschriften vom Kultusministerium, die vielen verschiedenen Lehrpläne und manchmal mal auch gewisse Eltern, "Helikoptereltern", die sich sehr schnell  einmischen.

Was war das „Verrückteste“, sowohl positiv als auch negativ, was Sie jemals an der Schule erlebt haben?

Das Beeindruckendste, das ich in der letzten Zeit erlebt habe, war die Aufnahme eines Flüchtlingsmädchens in meiner 7. Klasse. Die Schülerinnen und Schüler waren so offen und hilfsbereit, dass es eine Freude war, unsere neue Mitschülerin willkommen zu heißen.

Würden Sie sagen, dass sich die Mentalität der Schüler im Laufe der Zeit verändert hat oder sind es letzten Endes Schüler geblieben?

Ich würde sagen, es sind Schüler geblieben mit all ihren Macken, aber auch mit all ihren wunderbaren und tollen Fähigkeiten. Ich kann weder sagen, dass sie schlechter noch besser geworden sind. Sie sind eben so wie sind, mal anders und mal wieder gleich in manchen Verhaltensweisen. Abschreiben wird man zum Beispiel immer noch probieren, so etwas wird sich wohl nie ändern.

Wie sehen nun Ihre Pläne für die Zukunft aus, wenn Sie jetzt fertig sind?

Richtig schön, ich freue mich so. Zunächst gehe ich mit meinem Mann zu unserem Projekt in Afrika. Wir unterstützen dort bereits seit Jahren eine Organisation, die gegen weibliche Genitalbeschneidung arbeitet, also ein Menschenrechtsprojekt.  Die sind wirklich toll, die haben geschafft, dass über 70% der Mädchen in ihrere Region nicht mehr beschnitten werden und zur Schule gehen dürfen.

Wo ist das genau?

In Tansania, im Kilimandscharogebiet. Das ist das Erste, das wir machen werden Dann werden wir Italienisch lernen und meinen Traum verwirklichen: Einmal ganz langsam um Italien herumfahren und alles Schöne dort genießen.

Es kam mal die Diskussion auf, ob man pensionierte Lehrer zur Ausbildung der Flüchtlinge, wieder hinzu ziehen sollte. Wären Sie rein hypothetisch gesehen dafür zu haben?

Ja, aber nicht gegen Geld. Wir bekomen eine ordentliche Pension und ich finde, es sollten zunächst die jungen Lehrer eingestellt werden, die nichts haben. Ehrenamtlich würde ich schon Deutschunterricht machen, aber bestimmt nicht mehr um 7:50 morgens.

Hätten Sie noch Tipps für angehende Lehrer, die hier am Wentzinger anfangen wollen?

Sie sollten jedenfalls darauf achten, dass sie die angenehme Atmosphäre hier im Kollegium weiterhin unterstützen, also auch offen Probleme ansprechen und Kritik aussprechen. Die Kommunikation sollte auf jeden Fall weiter ausgebaut werden, meiner Meinung nach ist das sehr wichtig.

Also eine generelle Förderung eines angenehmen Arbeitsklimas?

Ja genau, es sollte auch so bleiben und man sollte sich mit Kritik wirklich nicht zurückhalten. Man sollte sich trauen etwas zu sagen, wenn einem etwas nicht passt.

Da läuft man doch Gefahr, sich bereits schon früh unbeliebt zu machen?

Ich arbeite  auch als Personalrätin hier an der Schule. Wenn die Leute nicht kommen und wir von nichts wissen, dann können wir auch mit der Schulleitung nichts ändern. Jetzt haben wir eine Schulleitung, mit der man wirklich viel verändern kann, wir müssen halt nur davon wissen. Hier am Wentzinger braucht man wirklich keine Angst haben, seine Kritik offen auszusprechen.

Mit meinen Fragen wäre ich nun durch, gibt es noch etwas was Sie loswerden wollen?

Macht weiter so! Ich finde das Wentzinger ist eine tolle Schule und fände es wirklich schade, wenn sie anders würde. Ich wünsche mir, dass die Offenheit und Vielfalt beibehalten wird, das finde ich zusammen mit unserem sozialen Anspruch sehr wichtig



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