Gisela Friederich für die Tiere am Waldsee

BZ vom 6. März 2012: Freiburger Autor erhebt Plagiatsvorwürfe gegen Kracht

Hat Kultautor Christian Kracht beim Freiburger Schriftsteller Marc Buhl geklaut? Der Vorwurf: Für seinen Roman "Imperium" hat Kracht ohne Angabe von Quellen abgekupfert.

Plagiiert? Marc Buhl Foto: Ingo Schneider

Christian Kracht hat die vom "Spiegel" angezettelte Debatte um seine angebliche Rechtslastigkeit ohne Blessuren überstanden, aber jetzt droht ihm von anderer Seite Ungemach. Der Freiburger Schriftsteller Marc Buhl wirft Kracht vor, Szenen aus seinem vor einem Jahr erschienen Roman "Das Paradies des August Engelhardt" ohne Angabe von Quellen in sein "Imperium" einverleibt zu haben.

Das schwere Wort "Plagiat", von dem in den Feuilletons jetzt schon die Rede ist, will Buhl nicht benutzen. Jedem Autor bleibe es unbenommen, die – etwa aus den Werbebroschüren Engelhardts oder der biografischen Studie von Sven Mönter – recherchierten Fakten neu zu arrangieren. Aber auf- und nicht ganz zufällig sei es schon, dass sich einige der "erzählerischen Freiheiten", die er sich genommen habe, in Krachts Version der Geschichte fast 1:1 wiederfänden.

Parallelen im Einzelnen

In der Tat ähneln sich die Romane schon im Aufbau: Ein aus dem kalten und prüden wilhelminischen Deutschland vertriebener Ur-Hippie kommt mit der Kolonialverwaltung, den von Lockschriften wie "Eine sorgenfreie Zukunft" angezogenen Jüngern aus der Berliner Boheme, Eingeborenen und seinem eigenen Gewissen in Konflikt. Auch im Einzelnen gibt es Parallelen, die durch keine historischen Quellen gedeckt sind: So wird in Krachts "Imperium" wie in Buhls Roman Engelhardt zu Hause wegen seiner Nacktgängerei verhaftet und auf Deutsch-Neuguinea wegen seiner strikten Rohkostdiät (bei Kracht: Salat, bei Buhl: Obst) belächelt.

In beiden Romanen registriert der Veganer mit Entsetzen und Ekel, dass auch seine eingeborenen Freunde Ferkel schlachten und essen, wird ein abtrünniger Jünger Engelhardts – womöglich unter Beihilfe des Meisters – von einer Kokosnuss erschlagen und hängt in der Villa des deutschen Gouverneurs eine Kopie von Böcklins "Toteninsel". Es sind nur kleine, für sich genommene unbedeutende Parallelen. Aber in der Summe nähren sie doch den Verdacht, dass Kracht "Das Paradies des August Engelhardt" bewusst oder unbewusst als Quelle benutzt habe.

Buhl, Lehrer am Freiburger Wentzinger-Gymnasium und Autor von fünf historischen Romanen, denkt nicht an juristische Schritte, aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass ihn Krachts "laxer Umgang" mit geistigem Eigentum und kollegialer Fairness auf die Palme bringt. Manche seiner Vorwürfe mögen kleinlich und überzogen sein; vielleicht ist auch ein wenig Neid und gekränkte Eitelkeit im Spiel. Buhls Roman, sein bislang bester, ging im vergangenen Jahr durch die Wirren um die Insolvenz des Eichborn Verlags fast unter; Krachts "Imperium" dagegen erregte, auch durch die Diskussionen um die "Methode Kracht" (die Buhl übrigens für ein "abgekartetes Spiel" hält) ungleich mehr Aufmerksamkeit.

Merkwürdig ist allerdings schon, dass der Kokosnuss-Apostel, nach dem über hundert Jahre lang kein Hahn krähte, binnen kurzem gleich zweimal zum Romanhelden gemacht wird. Natürlich unterscheiden sich Buhls und Krachts Protagonisten entsprechend dem Temperament und der Intention der Erzähler deutlich voneinander. Buhls Ritter der Kokosnuss ist ein sanfter Träumer, eine tragikomische Figur, die mit viel Sympathie und leiser Ironie von innen heraus beschrieben wird. Kracht geht freier mit den Fakten und der Chronologie um; er beschreibt Engelhardt mehr von außen (und oben) als bauernschlauen dummen August und Vorläufer Hitlers. Buhl schrieb einen einfühlsamen biografischen Roman, Kracht, selber so etwas wie ein Aussteiger aus dem Literaturbetrieb, eine sonnig-heitere Kolonial-Satire voller politischer und literarischer Vexierspiele.

Man kann darüber streiten, welcher Roman Engelhardt besser gerecht wird und literarisch überzeugender ist, aber nicht darüber, wer die Kokosnuss zuerst entdeckt hat. Es ist keine Hegemann- oder gar Guttenberg-Affäre; Buhls Vorwürfe würden den Radar eines Kracht-Plag glatt unterlaufen. Aber dem Schweizer wäre auch kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn er seinen deutschen Vorgänger als Quelle genannt oder wenigstens in seinen Danksagungen erwähnt hätte.

Bei Krachts Verlag Kiepenheuer & Witsch hält man Buhls Vorwürfe für "absurd". Kracht, so Pressesprecherin Gaby Callenberg, habe Buhls Werk vermutlich nicht einmal gelesen, jedenfalls habe er bereits vor dessen Erscheinen Teile seines Manuskripts abgeliefert. Und was die monierten Stellen beträfe: Böcklins "Toteninsel" zierte damals überall bürgerliche Wohnungen, unter anderem die von Freud. Und eine Kokosnuss könne einem in der Südsee schon mal auf den Kopf fallen.