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BZ-Interview mit Wentz-Praktikant Martin Hirling (11.12.09)


"Am Anfang fühlt es sich komisch an"

Lehramtsstudenten haben im Praxissemester zum ersten Mal Kontakt mit der Realität ihres Berufes. Martin Hirling erlebt diesen ersten Kontakt gerade am Freiburger Wentzinger-Gymnasium, nach seinem Staatsexamen will er Mathematik und Sport unterrichten. BZ-Mitabeiter Jens Gräber sprach mit dem 24-Jährigen über seine ersten Erfahrungen als Lehrer, Erinnerungen an die eigene Schulzeit und den Umgang mit schwierigen Schülern.

BZ: Herr Hirling, wie fühlt es sich an, wenn man während des Studiums plötzlich vom Hörsaal in ein Klassenzimmer wechselt?

Martin Hirling: Die Umstellung ist schon sehr groß. Man muss sich bewusst machen, dass man selbst jetzt auf der anderen Seite steht: Man ist kein Schüler mehr, sondern Lehrer. Das fühlt sich am Anfang komisch an, aber ich habe mich auch recht schnell daran gewöhnt. Inzwischen möchte ich das schon nicht mehr missen.

BZ: Hatten Sie Angst vor der ersten Unterrichtsstunde, die Sie selbstständig halten mussten?

Hirling: Ich hatte Glück: Meine erste Stunde war eine Sportstunde in der zwölften Klasse, es ging um Handball – das liegt mir sehr, weil ich privat im Verein in Teningen spiele. Ich habe auch einen Trainerschein. Deshalb fiel es mir nicht schwer, das vorzubereiten. Aufgeregt war ich aber trotzdem. Im Kopf habe ich zum Beispiel das Horrorszenario durchgespielt, dass einfach keiner Lust hat, mitzumachen. Es lief dann sehr gut, insofern waren die Sorgen letztlich unbegründet - aber die macht sich wohl jeder.
 

BZ: Hand auf’s Herz: Sind Sie selbst früher gerne zur Schule gegangen?

Hirling: Ich bin schon sehr gerne zur Schule gegangen. Nicht unbedingt deshalb, weil ich so viel Lust hatte, etwas zu lernen. Auch an das frühe Aufstehen habe ich mich damals nie so richtig gewöhnen können. Aber ich habe dort halt jeden Tag viele meiner Freunde gesehen.

BZ: Hat sich Ihr Bild von Lehrern verändert, seit Sie selbst Jugendliche unterrichten?

Hirling: Ja, das ist schon krass. Ich erinnere mich noch an Lehrer, die ich toll fand. Und damals dachte ich, so will ich auch werden. Aber es dann selber so hinzukriegen, das ist etwas ganz anderes. Mir war auch nicht klar, was Lehrer außer dem Unterricht noch alles machen müssen. Immer gibt es noch Gespräche mit Kollegen, oder mit Schülern außerhalb des Unterrichts. Auch die Unterrichtsplanung nimmt vor allem am Anfang sehr viel Zeit in Anspruch.

BZ: Warum wollten Sie eigentlich Lehrer werden?

Hirling: Ich wollte Sport studieren, weil ich Spaß daran habe. Ich glaube auch, ich habe Talent dafür. Nach dem Studium kann man dann eigentlich nur als Lehrer arbeiten, wenn man nicht total überqualifiziert als Trainer im Fitnessstudio enden will. Auch in Mathe war ich immer gut. Dann habe ich nach dem Abitur meine alten Lehrer gefragt, ob sie glauben, dass ich das Studium schaffen kann. Sie haben mich ermutigt, es zu versuchen.

BZ: Sie sind jetzt im siebten Semester. Fühlen Sie sich durch Ihr Studium gut vorbereitet auf die Praxis?

Hirling: Von diesen Pädagogikkursen, die wir besuchen müssen, können wir im Unterricht nicht viel gebrauchen. In Mathematik habe ich, was die Fachdidaktik angeht – also wie man Dinge vermittelt –, gar nichts gelernt. Der Stoff ist total abgehoben, ich habe keine Ahnung, was ich davon jemals in der Schule gebrauchen kann. Ich würde mir wirklich ein Mathe-Studium wünschen, das besser auf das Lehramt zugeschnitten ist. In Sport dagegen ist es schon echt gut, da werden die Sachen vom Dozenten praxisnah vermittelt und es gibt viele Tipps für den Schulalltag. Ich persönlich fühle mich da viel besser vorbereitet als in Mathe.

BZ: Profitieren Sie im Moment von der praktischen Erfahrung Ihrer älteren Kollegen?

Hirling: Ich habe von meinen Kollegen sehr viel gelernt. Wenn man im Unterricht dabei sitzt, kann man sich viele Sachen abschauen, zum Beispiel wie die Kollegen mit unaufmerksamen Schülern umgehen. Aber man ist auch in so einer Schiene drin: Wenn man dann selber die Klasse unterrichtet und der Kollege sitzt hinten drin, dann will man auch nicht seinen ganzen Stil über den Haufen werfen. Das wäre blöd für ihn, blöd für die Schüler – und für mich vielleicht auch blöd.

BZ: Wie gehen Sie selbst mit schwierigen Schülern um?

Hirling: Ich hatte bisher noch nie den Fall, dass ein Schüler total ausgeflippt ist. Da habe ich von Studienkollegen an anderen Schulen ganz andere Geschichten gehört. Klar wird mal geredet und nicht aufgepasst, aber das habe ich bisher gut in den Griff bekommen. Ich reagiere dann einfach spontan, und in der Regel hören die Schüler dann auch auf mich. Bis jetzt hatte ich echt Glück.

BZ: Wie sieht für Sie guter Schulunterricht aus?

Hirling: Wichtig ist, was die Schüler machen. Gerade bei Jüngeren muss ich oft Methodenwechsel einbauen, damit sie nicht immer das gleiche machen. Und es sollte so wenig wie möglich Frontalunterricht stattfinden. Zwar kommt man nicht ganz daran vorbei, gerade in Mathe. Aber die Schüler sollen vor allem üben und auch eigenständig nachdenken.