Schulinfo Wentzinger
Trainingsraum am Wentzinger

Trainingsraum am Wentzinger

„Es reicht! Geh bitte in den Trainingsraum!“

So oder ähnlich werden am Wentzinger Gymnasium und an der Wentzinger Realschule gelegentlich Schüler1 in den Trainingsraum geschickt. Für die Schüler eine Strafe, doch gedacht als ein Blumenstrauß an Angeboten – ein Problem der Dechiffrierung, wie Herr Zimmermann, Koordinator des Trainingsraums, feststellt. „Der Trainingsraum ist keine Strafe, sondern eine Möglichkeit der Deeskalation für beide Parteien. Er erlaubt es, dem Konflikt den Dampf zu nehmen, die Unterrichtsatmosphäre zu entlasten und Schülern einen Rahmen zu bieten, in dem sie ihr Verhalten in Ruhe reflektieren können.“ Seit seinem Bestehen (2006) steht ‚der Trainingsraum’ als Symbol für einen längeren Prozess:

Kommt es zu wiederholten Unterrichtsstörungen oder anderen Belastungen der Unterrichtsatmosphäre, kann der Lehrer dem Schüler ein Signal senden, dass sein Verhalten nicht wünschenswert ist und dem individuellen wie sozialen Lernen in der Klasse entgegensteht. Diese Warnung legt die Verantwortung für den weiteren Ablauf in die Hand des Schülers: Er kann entscheiden, ob er sein Verhalten aufrecht halten will, ob er zu seinem Verhalten Stellung nehmen will, um externe Gründe durch den Lehrer entfernen zu lassen, oder ob er sein Verhalten ändern möchte. In diesem Fall bleibt der ‚gelbe Zettel’ konsequenzlos auf dem Tisch des Schülers liegen; am Ende der Stunde gibt dieser ihn dem Lehrer zurück.

umgedrehter gelber Zettel = Entscheidung über Fortgang durch Schüler; Möglichkeit der Reflexion in der Situation, ev. Stellungnahme und Darlegung der Gründe

Kann oder will ein Schüler sein Verhalten nicht ändern, ist die Konsequenz eine Auszeit, die allen an der Situation beteiligten (Schüler, Lehrer, Mitschülern) die Möglichkeit gibt, die Störung zu überwinden. Dafür wird der ‚gelbe Zettel’ vom Lehrer ausgefüllt, wobei Angaben zur Situation gemacht werden (wer wurde wann von wem aus welchen Gründen in den Trainingsraum geschickt?).

gelber Zettel wird umgedreht und ausgefüllt= Entscheidung über Fortgang durch Lehrer; Aussetzen aus der Situation, Deeskalation durch räumliche Trennung, ‚Durchatmen können’

Der Schüler verlässt den Unterricht und begibt sich zum Trainingsraum, wo ihn die Aufsicht erwartet. Normalerweise beginnt das Gespräch dort direkt – ist der Schüler aber zu aufgebracht, verfügt der Trainingsraum über einen Hometrainer, auf dem die Emotionen und der Ärger ‚abgestrampelt’ werden können. Spätestens danach kann mit der Rekonstruktion der Situation, die zur Eskalation geführt hat, begonnen werden: Anhand eines Fragebogens kann der Schüler die Situation und seine Reaktionen rekapitulieren und evaluieren.

Ankommen im Trainingsraum: Raum und Zeit für Emotio und Ratio

Den Bogen lässt der Schüler nach seiner Reflexion im Trainingsraum – die Aufsicht wird dem betreffenden Lehrer die Reflexion des Schülers zukommen lassen, wobei der Lehrer die Darstellung der Situation und die daraus folgende Reflektion entweder akzeptieren oder ablehnen kann. Im ersteren Fall unterschreibt der Lehrer den Bogen und gibt ihn in den Trainingsraum zurück, wo er zu den Akten gelegt wird; im letzteren Fall geht der Schüler in der nächsten Stunde bei dem betreffenden Lehrer zurück in den Trainingsraum, um die Reflektion zu überarbeiten.

nach dem Trainingsraum: Reflektion des Lehrers

„In vielen Fällen hat es sich damit erledigt“, weiß Herr Zimmermann; bei anhaltenden Konflikten gibt es weitere Beratungsinstanzen: Nach drei Auszeiten im Trainingsraum werden die Eltern des Schülers benachrichtigt und der Schüler bekommt einen Termin für ein Beratungsgespräch bei einem bestimmten Lehrer, was oft durchschlagenden Erfolg hat: Die Reflektion und die ernsthafte Auseinandersetzung mit einer neutralen Person lassen den Schüler seine eigene Autonomie erkennen und danach handeln. Sind weitere zwei Besuche im Trainingsraum nötig, folgt eine weitere Benachrichtigung an die Eltern sowie ein Gespräch bei der Schulleitung unter Hinzuziehung des erstellten Protokolls des Beratungsgesprächs. Weitere disziplinarische Maßnahmen, etwa Schulausschlüsse, sind danach möglich, aber sehr selten.

Der Trainingsraum wird oft missverstanden, ist aber als Angebot für die Schüler gedacht, nicht gegen sie. Der Schüler, der verstanden hat, welche Chancen der Trainingsraum ihm bietet, wird ihn wohl nicht mehr nutzen müssen; dem Lehrer, der dem Schüler den Trainingsraum mit gutem Gewissen weist, wird an fairem Verhalten und produktiven Austausch gelegen sein.

Übrigens: Nicht alle Lehrer schicken Schüler in den Trainingsraum; etwa die Hälfte der Kollegen hat andere Systeme, um die Klassen- und Arbeitsatmosphäre zu gewährleisten. Schüler zu sozialen Wesen mit allgemeinverträglichem Verhalten zu erziehen, ist jedoch in allen Arten und Weisen das Ziel.

Sina Friedrichs und Dietmar Zimmermann waren im Gespräch

1 im Folgenden wird unter der männlichen Form aus Gründen der einfacheren Lesbarkeit immer die weibliche Form mitgedacht.